Frisbee in der Familienmanege - Selbstmord im hohen Norden

10. Februar 2003, 18:38
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Ein Vater lädt nach 22 Jahren (!) seine beiden Söhne zu einem Essen. Was soll man da reden? "Ist euch euer Leben entglitten?", versucht es der pensionierte Clown Ernesteau mit wenig väterlicher Sanftmut. Seine auch schon mittelalten Jungs Alberteau und Gottliebeau (der Autor des Stücks lebte neun Jahre in Frankreich) schlugen einst ausgerechnet die Wege eines Hilfsdompteurs sowie eines Seiltänzers ein. Hier beißt ein eisiger Strindbergscher Witz. Das Kammerspiel Ulrich Ziegers beginnt jenseits des Vater-Sohn-Konflikts: Der Phantomschmerz dieser zumindest an den Kostümen von Leichenblässe gestreiften Restfamilie ist die früh verschwundene Mutter, die beim Abendmahl in einer auf sie bezogenen Speisenfolge den Fortgang des Stücks mitvollzieht. Obendrein liegt dann noch eine tote Frau im Bett . . . Stoff und Kunstfertigkeit genug für ein bemerkenswertes, absurdes Konversationsstück, das der 42-jährige aus Sachsen gebürtige Zieger vor einem Jahr schrieb: Die Erzählung der ganzen Geschichte.

Was also reden? Am besten trinken, meint Alberteau (Georg Schubert). Ein von Clemens Matzka hervorragend gespielter, bisweilen "getänzelter" Gottliebeau saugt die Zigaretten nur so runter.

Gernot Plass ließ für das Zusammentreffen der drei Männer (Vater: Thomas Declaude) eine Fuhre Sand zu einer Familien-Manege aufschütten. Der offensichtlich begabte Regisseur bewegt dort die Figuren wie Kreisel, die dann Schicht für Schicht von sich preisgeben. Bis sich die drei schließlich in einer Sandkiste wieder finden. Dann ist es Zeit für Geschirrfrisbee. Empfehlung! (afze)
dietheater Künstlerhaus,
1., Karlsplatz 5, (01)
587 05 04. Impro-Version
heute
22.30 Di-Sa 20.00

Selbstmord im hohen Norden

"Suizid-Foren" nennen sich die virtuellen Treffpunkte für jene, die im Netz über Selbstmord reden wollen. Und was als Chat beginnt, endet in der Realität oft tatsächlich tödlich. Ein Modell mit (vermutlich) gutem Ende hat im Jahr 2000 der Dramatiker Igor Bauersima entworfen. Norway.today zeigt, was geschieht, wenn sich dem nicht greifbaren World Wide Web das reale Leben mit all seinem Gefühlsdurcheinander entgegenstellt.

Und genau auf dieser Ebene setzt die Inszenierung von Peter Arp an der Elisabethbühne (Ausstattung: Alexander Schatzmann) an: Außer einem mobilen CD-Player haben Julie (Charlott Kreiner) und August (Nicolas Marchand) auf den höchsten norwegischen Felsen nichts an Technik mitgebracht. Vor ihnen liegt der Abgrund, zwischen ihnen Vorbehalte und die Möglichkeit, den Entschluss doch nicht umzusetzen.

Diese Bühnenfassung kürzt Bauersimas Text stark ein und reduziert das Spiel auf die Entwicklung zwischen den beiden Figuren. Und so wird zu einer der intensivsten Szenen der Wendepunkt im Geschehen, wenn sie ihren gemeinsamen Sex fantasieren und sich damit selber ins Leben zurückholen. (still)
Elisabethbühne, Salz-
burg, (0662)
8085-85.19.30

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