Die Minimalistin auf Erzählkurs

10. Februar 2003, 18:06
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Das Grand Théâtre de Genève mit "Daphnis et Chloé" von Lucinda Childs

Seit der Wiedereröffnung im Jahr 1962 beherbergt das im neoklassizistischen Stil erbaute Genfer Opernhaus, das "Grand Théâtre", eine mittelgroße Ballettkompanie, die in den 70er-Jahren unter Patricia Neary dank des umfassenden Balanchine-Repertoires überregionale Bedeutung erlangte. Heute tanzt das 26-köpfige Ensemble vornehmlich Werke prominenter Zeitgenossen. Für die jüngste Premiere, Daphnis et Chloé, lud man die US-Choreografin Lucinda Childs ein, deren Name untrennbar mit dem Minimalismus im Tanz verbunden ist.

Als eine der wesentlichen Repräsentantinnen des von Merce Cunningham geprägten amerikanischen Post Modern Dance entwickelte Lucinda Childs unter dem Einfluss des Regisseurs Robert Wilson und des Komponisten Philipp Glass ihre unverwechselbare, reduzierte, auf Wiederholung und auf der minuziösen Variation simpelster, genau akzentuierter Schritte aufgebaute Tanzsprache, welche mehr und mehr in Richtung neoklassisches Ballett tendierte. Ein markanter Stil, den auch das erste und bisher einzige Wien-Gastspiel ihrer 1973 gegründeten Company bestens veranschaulichte.

Umso erstaunlicher also, dass sich Lucinda Childs mit Daphnis et Chloé an einen narrativen Stoff heranwagt. Freilich hat sie bei den Operninszenierungen eines Luc Bondy mit Inhalten zu tun gehabt. Für ihr persönliches Oeuvre aber ist die Genfer Fassung des von Michail Fokine zur Musik von Maurice Ravel mit den Ballets Russes de Serge Diaghilev in Paris 1912 uraufgeführten Werkes ein Novum. Ohne plakativ zu werden, hält sich Childs an das Libretto von Fokine nach einem im 2. Jahr-hundert von Longus geschriebenen Hirtenroman.

Verführungskünste

Erzählt wird die Geschichte der verliebten Junghirten Daphnis (Bruno Cezario) und Chloé (Yanni Yin). Bis deren Glück aber vollkommen ist, sind gravierende Hürden zu überwinden. Denn da gibt es den aggressiv agierenden Oberhirten Dorkon (Grant Aris), dem in dieser Version eine gewichtige Rolle zukommt, da er Chloé mit allen Mitteln für sich gewinnen möchte. Es gibt Dorkons Verbündete, die schöne Lykainion (Elisabeth Laurent), deren Verführungskünsten Daphnis erliegt, es gibt Piraten, die Chloé entführen, und es gibt die drei eigensinnigen, dem Gott Pan ergebenen Nymphen.

Ideale Vorgaben für spannungsgeladene Pas de deux, für Corps de ballet und Solisten. So setzt Lucinda Childs das Ensemble auch ein, richtet sich nach den Fertigkeiten der klassisch geschulten Tänzer und nutzt die Möglichkeit, markante Duette zu gestalten. Expressive Duette, die für sich sprechen, die im sonstigen Schaffen der Choreografin eher nicht zu sehen sind.

Die Handlung komprimiert sich auf Anhaltspunkte, es überwiegt der Tanz, der passagenweise auch als Auseinandersetzung mit den zur Entstehungszeit dieses Ballettes gerade aktuellen, das Genre betreffenden Reformbestrebungen betrachtet werden kann: Kontrastierend zu den profanen Protagonisten gebären sich die Nymphen im Profil, setzen ihre Plastizität ein, erinnern an Motive jener Werke, mit denen Nijinsky gegen Ballettnormen revoltierte.

Im Ganzen entspricht die Inszenierung einem Gesamtkunstwerk, in dem jeder Gattung ihre Bedeutung zukommt. Tonangebend dabei Ravels Sinfonie, die das Orchestre de la Suisse Romande unter Patrick Davin hervorragend interpretiert. Ein Klanggefühl, das sich in der Drehung der mobilen, die gesamte Bühne überdeckenden, farblich sich von Bild zu Bild ändernden, Lamellengirlande (Bühnenbild: Roland Aeschli-mann) fortsetzt.

Die leicht fließenden Kostüme von Rudy Sabounghi komplettieren den idyllischen Charakter. Und wenn sich der Opernchor unter das Geschehen mischt, die brutale Welt ausgeklammert ist und Daphnis und Chloé vereint sind, mündet der lustvolle Taumel im riesigen Tanz-Bacchanal. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.2.2003)

Von Ursula Kneiss aus Genf
  • Lucinda Childs richtet sich nach den Fertigkeiten der klassisch geschulten TänzerInnen und nutzt die Möglichkeit, markante Duette zu gestalten: "Daphnis et Chloé" in Genf
    foto: gtg/carole parodi

    Lucinda Childs richtet sich nach den Fertigkeiten der klassisch geschulten TänzerInnen und nutzt die Möglichkeit, markante Duette zu gestalten: "Daphnis et Chloé" in Genf

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