Die Mulde

10. Februar 2003, 19:05
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Ob ich eine Scheibtruhe und in der Nacht Zeit hätte, wollte B. dann wissen. Er habe nämlich ein bisserl Schutt ...

... Keine Ahnung, wie B. auf die Scheibtruhen-Idee kam: Er wohnt - so wie ich - im vierten Stock. Innerhalb des Gürtels. Vertikutierrechen, Rasensprenger oder Hollywoodschaukeln gehören da nicht unbedingt zu Geräten unseres täglichen Umganges. Aber egal: Wenn es B. verlangt, treibe ich auch einen Mähdrescher für die Kärntner Straße auf. Wozu sonst hat man Freunde?

Was B. da als ein bisschen Schutt bezeichnet hatte, war ein bisserl mehr als ein bisschen: In den drei Kellerabteilen, die sich B. und sein Nachbar unter den Nagel gerissen hatten, sah es aus, als habe irgendwer den Aushub der U-Bahn-Baustelle Mariahilfer Straße nicht abtransportiert, sondern versteckt. Und das, erklärten mir die Amateurbauhackler während wir die von einer benachbarten Baustelle entlehnten Scheibtruhen zu B.’s Haus brachten, sei gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt: In seinem früheren Leben war der Schutt einige Wände in den Wohnungen von B. und seinem Nachbarn gewesen. Nur hatten die Herren irgendwann zur Spitzhacke gegriffen.

Blöd nur, dass die Hausverwaltung kürzlich draufgekommen war - und die Nachbarn wussten, wer den Müll runtergebracht hatte. Deshalb standen wir in der Nacht herum: Auf der Suche nach der nächsten Baustelle mit Mulde. Und das war gar nicht so einfach. Weil nämlich kaum eine Mulde in der Umgebung Platz hatte. Und komischerweise auf allen Baustellen in B.’s Gegend alte Küchenmöbel, Matratzen, Teppiche, Waschbecken, alte Fliesen, kaputte Fernseher und dergleichen zu entsorgen war.

50 Euro Entsorgungsgebühr

Aber wir hatten Glück: Eine Mulde in einer Nebengasse war nur halbvoll. Knapp nach Mitternacht nicht mehr: Da war sie nämlich voll. Bis obenhin. Wir waren erschöpft - aber glücklich. Dass der Hausbesorger, der uns gegen elf gefragt hatte, ob wir nicht langsam mit dem Entsorgen fertig wären, 50 Euro kassiert hatte, störte uns nicht: Immer noch billiger, als ein Kleinlaster plus Deponiegebühren.

Eine Woche später war in meinem Haus Mieterversammlung. Die Hausbewohner waren empört: Zur Räumung einer völlig versifften, seit Jahren leerstehenden Wohnung und einer ganzen - lange Jahre als Deponie für Trümmer aller Art missbrauchten - Kellerzone, hatte man eine Mulde vor dem Haus aufgestellt. Vier Mal, so der Hausverwalter, habe man die teuer ausleeren lassen müssen - bis man endlich dazu gekommen sei, auch nur ein paar Ladungen hauseigenen Schutt hinein zukippen. Normal, erklärte der Mann von der Hausverwaltung, wären eine bis eineinhalb Fremdbefüllungen.

Neulich hat B. wieder angerufen. Wegen einer Scheibtruhe und meiner Arbeitskraft. Er habe da eine Freundin, die gerade in eine neue Wohnung eingezogen sei. Und die müsse jetzt entrümpelt werden. Gleich ums Eck von mir. Ich lehnte ab: Irgendwer muss ja auf die Mulde vor meinem Haus aufpassen.

Nachlese

--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege
--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby
--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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