Bregenzer "van Dyck" ist kein echter

13. Februar 2003, 07:42
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Eine Werkstatt-Replik oder Wiederholung, vermutet Experte: eine der Varianten einer verlorenen "Beweinung Christi"

Wien/Bregenz - Das Bild "Beweinung Christi" im Bregenzer Zisterzienser-Kloster Mehrerau-Wettingen, das in den vergangenen Tagen als mögliches Originalwerk des flämischen Meisters Anthonis van Dyck gehandelt wurde, ist eine Wiederholung oder eine Werkstattarbeit. Dies meinte der Altmeisterexperte Peter Wolf des Wiener Auktionshauses Dorotheum nach Begutachtung eines elektronischen Fotos des Gemäldes (vermutlich des links abgebildeten, Anm.) und Literaturrecherchen am Mittwoch.

Die japanische Kunstexpertin Yoko Mori hatte vor wenigen Tagen bei einem Rundgang durch das Kloster Mehrerau angenommen, in dem Bild einen echten van Dyck entdeckt zu haben. Das Kloster hatte das nicht signierte und 1,5 mal 2,5 Meter große Bild im vergangenen Jahr als Leihgabe von einer Pfarre in Zürich-Örlikon erhalten.

Englische Provenienz

Diese Zürcher Herkunft ist für Wolf ein deutliches Indiz dafür, dass es sich bei dem Gemälde um eine von sechs Wiederholungen bzw. Werkstattarbeiten der "Beweinung Christi" handelt, die Erik Larsen in seinem van Dyck-Werkverzeichnis angeführt hat. Die Provenienz eines dieser sechs Bilder wird darin einer Züricher Privatsammlung zugeschrieben, das Gemälde selbst von Larsen unter Berufung auf den anerkannten Kunstexperte und Direktor der Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum in den dreißiger Jahren, Gustav Glück, als Werkstatt-Replik bezeichnet.

Das Original-Bild van Dycks gilt laut Wolf als verschollen, in Larsens Werksverzeichnis werden als ursprüngliche Besitzer "Hartfod House" und der Duke of Newcastle genannt, ehe es auf den Londoner Kunstmarkt kam, wo sich seine Spur verlor.

In Anbetracht dessen, dass sowohl van Dyck selbst als auch seine Schüler von seinen Werken Wiederholungen angefertigt hatten, sei die Eigenhändigkeit eines Bildes nur in einer sehr aufwendigen und langwierigen Untersuchung festzustellen. Den Wert des nunmehr im Kloster Mehrerau hängenden Gemäldes schätzt der Experte - mit allen Vorbehalten, da er es noch nicht persönlich gesehen hat - auf 70.000 bis 100.000 Euro. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zwar nur in Schrägansicht, aber doch: Der vermeintliche van Dyck in Bregenz.

    (Zum Vergrößern des Bildes anklicken)

    Anm.: Der Rubens-Schüler Anthonis (Anthony) van Dyck hat sich durch seine typische, leicht melancholische Eleganz in der Farbgebungbald weit reichender Beliebtheit erfreut - etwa bei den Adelsfamilien von Genua oder in England, wo er zum Hofmaler von Charles I. wurde. Sein Werk war also von Beginn weg also geographisch recht verstreut. Er beschäftigte eine beträchtliche Anzahl von Assistenten, um das Auftragsvolumen abwickeln zu können. Und nachfolgende Imitatoren gab es auch.

    Es ist somit keine simple Sache, nur aufgrund des Stiles einen van Dyck als "echt" zu bezeichnen; etwas für die Top-Liga der Forscher. Quellen als Hinweise wären zudem nachzuprüfen.

    Kurzum: Was es genau mit dem Bregenzer Bild auf sich hat, wird vermutlich noch länger nicht ganz fix sein.
    (~hcl~)

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