Persönlicher Einsatz ist Luxus

11. Februar 2003, 01:00
21 Postings

Egal ob für die Gleichstellung der Geschlechter, Rechte von MigrantInnen oder unsere Umwelt

Des Menschen Tiefen sind unendlich, denken wir zum Beispiel an Folter, Mord, Vergewaltigung und Krieg. Meist wird diese Gewalt als Mittel zum Zweck eingesetzt, um Geld und Macht zu erhalten und bewahren. Spiralförmig dreht sich die Gewalt-Quantität und -Qualität immer wieder nach unten, um in anderen Phasen und Zeiten eine gewisse Beruhigung zu erfahren, wenn sich mehr Frauen und Männer ihrer Höhen bewusst werden und diese gezielt zum Einsatz bringen. Zum Glück. Dies geschieht oft unter Einsatz ihres Lebens, auf jeden Fall ihrer Ressourcen, wie zum Beispiel der (Frei)Zeit. Denn selten ist der (bezahlte) Beruf auch das "Hobby" oder wünschenswerte Ziel (abseits der Erhaltung der Lebensgrundlagen).

Da Heldinnen und Helden selten als solche geboren werden und noch seltener sich dazu berufen fühlen, was als "große Leistung" in die Geschichtsbücher des Mainstreams Eingang findet, fangen sie im Kleinen an. Sie werden sich ihrer Situation und Anliegen bewusst, versuchen in ihrer Umgebung was zu verändern, Bewusstsein zu schaffen. Sie versuchen, bei feministischen, MigrantInnen- und Umweltschutz-Organisationen zu arbeiten oder gründen diese gar selbst. Oft ehrenamtlich (also unbezahlt) oder schlecht bezahlt und meist einem ständigen Kampf ausgesetzt, zum Beispiel um Geld und Rechtfertigung der Tätigkeit. Von Anerkennung ganz zu schweigen.

Bewegung

Phasenweise scheint die Gesellschaft trotz aller Widrigkeiten von konservativer Seite, deren Anliegen die Bewahrung alter Werte, Zustände und Ungleichheiten ist, dank des Einsatzes einzelner und immer mehr werdender Menschen doch einen Sprung nach vorne zu machen. Sie verändert sich ... denken wir zum Beispiel an die Öffnung des Ostblockes, den sogenannten Fall des Kommunismus (mit allen persönlichen Einschränkungen und Reglementierungen), die Studentenbewegung der 60er Jahre, aus der zwingend (da immer noch der Rolle am Herd zugedacht) die Frauenbewegung der 70er Jahre hervorging. Derzeit ist Gender-Mainstreaming für viele ein Aufbruch, verschleiert aber allein in der Begrifflichkeit, wo es noch an Gleichstellung mangelt.

Backlash

Seit rund einem Jahrzehnt ist jedoch das eingetreten, was Susan Faludi Anfang der 90er Jahre in ihrem Buch als "Backlash", den "unerklärten Krieg gegen amerikanische Frauen" beschrieben hat. Dieser Backlash kann inzwischen leider auf alle Lebensbereiche ausgedehnt werden: die endlosen, kaum fruchtenden Bemühungen im Bereich des Umweltschutzes (als Beispiel sei das weltweit immer noch nicht umgesetzte und eher minimalistische Klimaschutzabkommen von Kioto angeführt, dem kurzsichtige kapitalistische Interessen zuwider stehen), die Schließung der staatlichen Grenzen für andere Menschen (das Schengen-Abkommen in der EU), die Hetze auf Menschen ausländischer Herkunft gerade in Wahlkampfzeiten, und die Schuld, die Frauen als gesamtes zugeschoben wird, wenn die Arbeitslosigkeit steigt (sie könnten ja zuhause bleiben), die Bevölkerungszahl sinkt (sie sollten nicht auf ihre Karriere bzw. Selbstverwirklichung schauen sondern Kinder bekommen), Männer ihr Selbstbild überdenken dürfen (geben sie doch Männern an allem die Schuld und verunsichern diese bloß).

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Für viele war es früher besser und so soll es sein. Sie wollen an Geld und Macht bleiben. Teilen ist out, längerfristiges Denken schon länger. Ebenso passé ist, sich den Einsatz für eine bessere Gesellschaft, in der geteilt und nachhaltig gewirtschaftet wird, an die Fahnen zu heften. Am Rande einer Weltwirtschaftskrise (Geld vor Arbeit für alle), eines Irak-Krieges (mit möglicher Fortsetzung durch weltweiten Terrorismus), schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen in Österreich (zwischen Parteien, deren frauenpolitische Positionen nicht unterschiedlicher sein könnten) und der zunehmenden Beschneidung der persönlichen Freiheit der einzelnen Person ist es noch mehr zum Luxus geworden, sich für andere Menschen und gesellschaftliche Weiterentwicklungen einzusetzen.

Einsatz als Luxus

Es ist zum Luxus geworden, sich mehr zu "leisten", als um den Lebensunterhalt zu kämpfen oder um diesen besorgt sein zu müssen. Es ist Luxus geworden, zusätzlich für eigene Überzeugungen einzustehen ... und damit quasi "gebrandmarkt" zu werden, als "links" oder "radikal" zum Beispiel, als "Feministin", "Gutmensch" oder "Emanze" ... mit allen möglichen (Ausschluss)Konsequenzen. Derer gibt es genug und sie fangen nicht erst am Arbeitsmarkt an, sondern reichen in das private und persönliche Umfeld.

Von Daniela Yeoh

11.02.2003

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.