Ein Fall für Rom: Katholik und Protestant beteten laut

10. Februar 2003, 12:56
73 Postings

Die gemeinsame Messe eines katholischen und eines evangelischen Pfarrers in einer Vorarlberger Kirche wurde dem Vatikan angezeigt

Feldkirch - Aktive Ökumene in einer kleinen Dorfkirche hätte es sein sollen, tatsächlich wurde es zu einem Verfahren, mit dem sich nun die vatikanische "Kongregation für die Glaubenslehre" unter Kardinal Joseph Ratzinger zu befassen hat. Das angezeigte Vergehen: "Unerlaubte Konzelebration".

Zum "Tathergang": Die katholische Pfarrgemeinde von Kennelbach (Bezirk Bregenz) feierte mit ihrem ehemaligen Pfarrer Gustl Elsensohn, der sie vor zwei Jahrzehnten der (weltlichen) Liebe wegen verlassen musste, ein Wiedersehen. Dekan Werner Wittwer, seit 17 Jahren Pfarrer in dem 2000-Seelen-Dorf, hatte zur feierlichen Messe mit seinem Vorgänger geladen. Elsensohn war viele Jahre Pfarrer in Kennelbach gewesen.

"Eine schöne Feier war es, überdurchschnittlich viele Menschen sind zur Messe gekommen", blickt Wittwer zurück, "der Gustl hat gepredigt und ist am Altar gestanden." Nachsatz mit Wehmut: "Das ist alles verboten."

Denn Pfarrer Gustl Elsensohn hat die Richtung gewechselt. Nachdem er, weil nicht mehr zölibatär lebend, den katholischen Kirchendienst verlassen musste, wurde er evangelischer Pastor in der Schweiz.

Als solcher darf er nicht mit einem katholischen Priester "während des Eucharistischen Hochgebets am Alter stehen und laut mitbeten", heißt es aus der Diözese. Deshalb wurde gegen Pfarrer Wittwer nach einer Vorladung bei Bischof Klaus Küng Anzeige in Rom erstattet. Von wem die Anzeige stammt, wird geheim gehalten.

Suspendierung

"Bis nach Rom bin ich noch nie vorgedrungen", kommentiert Dekan Wittwer gelassen. Die starke Hand seiner Kirchenoberen erlebt der kritische Geist nicht zum ersten Mal. So wurde ihm 1984 die Landtagskandidatur für die Grünen untersagt.

Das Strafausmaß für Wittwers jetzige Verfehlung reicht von Verwarnung bis Suspendierung. Über den Fehltritt in Vorarlberg zu entscheiden haben im Vatikan 25 Geistliche aus 14 Nationen, die sich unter Kardinal Ratzinger zur Kongregation für die Glaubenslehre vereinigen, um über die Reinheit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu wachen. Diese Kongregation besteht in der heutigen Form seit 1965, kirchengeschichtlicher Vorläufer ist die 1542 gegründete "Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis". (DER STANDARD, Printausgabe 10.02.2003)

Von Jutta Berger
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Symbolbild: Katholik und Protestant vereint bei einer Messe.

Share if you care.