Vernetzung im Kampf gegen gewalttätige Männer gefordert

11. Februar 2003, 12:07
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Das Gewaltschutzgesetz greift - und ist dennoch erneuerungsbedürftig, wie die Wiener Expertin Rosa Logar meint

Wien - "In manchen Fällen ist es sicherer, in einer Gewaltbeziehung zu verbleiben, als sich vom Täter zu trennen", zieht Rosa Logar, die Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, ein bitteres Resümee. Ihre Stelle kümmert sich um Frauen, deren Männer weggewiesen wurden.

Logar nennt ein Beispiel: Eine Krankenschwester wurde kurz nach der von ihr initiierten Scheidung von ihrem Exmann im Hauseingang abgepasst. "Er folgt ihr, redet auf sie ein, sie möge die Scheidung rückgängig machen. Sie sagt ihm, es gebe kein Zurück. Da zieht er plötzlich ein Springmesser und sticht zu."

Zweimal, sagt Logar, sei der Mann weggewiesen worden, dreimal habe man Anzeige wegen Körperverletzung und gefährlicher Drohung erhoben. Die tödliche Gefahr, die von ihm ausging, habe niemand erkannt - weil niemand die relevanten Informationen gesammelt und Konsequenzen daraus gezogen habe. "Deshalb schlagen wir die Einrichtung einer ständigen Arbeitsgruppe im Innenministerium oder bei der Bundespolizeidirektion vor. So könnte man in Fällen extremer Gewalttätigkeit gemeinsam mit Vertretern der Interventionsstellen gezielt Präventionsarbeit leisten." Im Innenministerium trifft diese Idee auf Interesse. "Das scheint diskutabel zu sein", meint Mathias Vogel von der Rechtssektion. Im Vorfeld jedoch müsse "der Zeit- und Personalaufwand genau evaluiert werden".

Solch vernetzte Krisenintervention wäre in jährlich rund 400 Fällen nötig: Bei jenen zehn Prozent aller Wegweisungen, in denen das Betretungsverbot kein Absinken des Aggressionspegels beim Täter bewirkt. Allein im letzten halben Jahr habe es in Wien bei Wegweisungsfällen "einen Mord und zwei Mordversuche an Frauen" gegeben. In diesem Zusammenhang fordert die Gewaltexpertin auch die Staatsanwaltschaften auf, "das Mittel der U-Haft wegen Tatausführungsgefahr" öfter als bisher anzuwenden.

Und sie urgiert Reformen des Gewaltschutzgesetzes, die über die jüngsten Änderungsvorschläge des Justizministeriums gehen. Der Schutz müsse auf Personen ausgedehnt werden, die mit dem Täter weder verheiratet seien, noch mit ihm lebten.

So betreue sie etwa eine allein stehende junge Frau, die von einem Mann terrorisiert werde: "Er steht vor ihrer Wohnungstür, er bedroht sie, er versetzt sie in Angst und Schrecken." Weggewiesen werden könne er nicht: "Das Gewaltschutzgesetz ist zu eng an den traditionellen Familienbegriff geknüpft." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10.2.2003)

von Irene Brickner
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