Gratis-Kredit für den Chef

10. Februar 2003, 11:09
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Geschäftsberichte werden verstärkt kreativ "bearbeitet", unter anderen mit kostenlosen Krediten - Gastkommentar von Michael Margules

Kreative Berichterstattung hilft, nicht wahr, Mister President?!

An und über den Märkten herrscht unverändert der Bär, und aktuell spricht angesichts der schon sattsam bekannten Ursachen(forschung) auch wenig bis gar nichts hinsichtlich des baldigen Verlassens der Moll-Einbahnstraße. Gerade solche Stimmungen legten allerdings schon des öfteren die Basis für ein zumindest kurzfristiges Kursfeuerwerk, daß von nahezu allen Marktteilnehmern herbeigesehnt wird. Schon weitest gehend aus den Augen verloren wurde und wird selbst trotz aktueller österreichischer Anlaßfälle – der Fall EMTS dürfte Journalisten wie Mitglieder der Jurisprudenz noch einiges an Arbeit liefern.... – die Tatsache, daß insbesondere in den Vereinigten Staaten mit dem kostbarsten Gut, nämlich dem Anlegervertrauen, unverändert Schindluder betrieben wird. Ohne Vertrauen in die Unternehmen respektive deren Manager wird es aber auch die Börsenpychologie nicht leicht haben, die Stimmung tatsächlich ins Positive zu kippen.

Lets’s have a party – transaction....

Die „New York Times“ berichtete unlängst über ein krasses Beispiel kreativer Berichterstattung. Im Jahresbericht beziehungsweise in den der Wertpapieraufsicht zuzustellenden Dokumenten gewisser bekannter Unternehmen waren jeweils unter dem wenig (be)sagenden Titel „Related party transactions“ ein kleiner Hinweis und eine Zahl zu finden. Doch dahinter versteckte sich Brisantes: Das Unternehmen gewährte den Mitgliedern des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung Kredite in oft zweistelliger Millionenhöhe zum Kauf von Aktien aus dem Firmeneigenbestand. Diese Kredite, von denen die Aktionäre nichts wußten, erhielten die Privilegierten zu Vorzugsbedingungen – oft zum Nulltarif. Ging das Börsengeschäft schief, wurde dieser Verlust vom Unternehmen ganz einfach als Kreditverlust abgeschrieben.

Die an sich schon mit Salär, Bonus und anderen Entschädigungen gut gehaltenen Manager erhielten so steuerlich nicht erfaßte Zusatzleistungen. Zu Lasten der Aktionäre ermöglichen die Kredite Management und Aufsichts(Verwaltungs)räten mehr oder weniger risikolose Aktienanlagen, wird kritisiert. Diese Praxis ist offenbar in den letzten Jahren populär geworden: 15% der größten US-Gesellschaften gewähren heute dem Management zinsgünstige Kredite für den Kauf eigener Aktien oder die Ausübung von Optionen. Im Jahr 1996 waren es erst 10 Prozent, im Jahr 2000 gar staatliche 18 Prozent. Auf diese Praktiken ist auch die Wertpapieraufsicht SEC aufmerksam geworden, denn sie ermöglichen es, die strengen Insider-Meldungsbestimmungen elegant zu umgehen. Mitglieder der Geschäftsleitung oder des Verwaltungsrats gelten in Amerika als Insider. Wenn sie Aktien des Unternehmens am offenen Markt kaufen oder verkaufen, muß die Transaktion der SEC bis spätestens am 10. Tag des folgenden Monats gemeldet werden. Stammen die Aktien indes aus dem Firmenbestand, ist eigenartigerweise nur ein Mal pro Jahr eine Meldung nötig, und das spätestens 45 Tage nach Ende des Geschäftsjahres!

„Gemeinsamkeiten“ unter US-Präsidenten....

Wie war es nur möglich, muß man sich heute fragen, daß all diese Machenschaften der Unternehmen so viele Jahre unentdeckt bleiben konnten, was einige von ihnen geradezu ermuntert hat, immer dreister zu werden?! Buchprüfer, Juristen, Analysten, Portfoliomanager, Journalisten – sie alle hatten doch die Geschäftsberichte studiert. Ist tatsächlich nie jemanden etwas aufgefallen – und wenn doch, warum wurde nicht reagiert? Warum hat die angeblich so gefürchtete SEC nie eingegriffen? Dank solcher Kredite sind schon politische Karrieren gestartet worden. Beispiele gefällig? Im Jahr 1986 erhielt ein gewisser George W. Bush einen zinsgünstigen Kredit zum Kauf von Aktien seiner Ölgesellschaft. Mit dem Erlös erwarb Bush jr. später eine Beteiligung am Baseballteam der Texas Rangers, welches er wiederum Jahre später um ein Vielfaches veräußerte. Die Popularität, die er durch dieses Engagement erhielt, erleichterte ihm den Einstieg in die lokale Politik.

Es ist vielleicht als Ironie des Schicksals zu bezeichnen, daß ausgerechnet unter dem Bush-Vorgänger Bill Clinton derartige Praktiken überhand nahmen und ausuferten, verschleiert angesichts eines in den 90er Jahren einzigartigen Wirtschaftswachstums und nicht für möglich gehaltenen Börsenbonanzas. Letzteres ist verklärte Vergangenheit, und der Blick nach vorne ist angesichts all der politischen Unwegsamkeiten, von den wirtschaftlichen nicht zu reden, beschwerlich und ohnehin ungewiß genug.

Doch wer an den (Börsen)Weg nach oben glaubt und denkt, wird nicht umhin kommen, auch das Vertrauen der Anleger rückhaltlos zurückzugewinnen, denn ansonsten werden selbst kurzfristige Rallys als wirkungslose Rohrkrepierer in einem Bärenmarkt verpuffen!

Nachlese

--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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    foto: montage
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