"Sie starben für Frankreich, aber Frankreich hat es vergessen"

11. Februar 2003, 09:09
43 Postings

Internationale Zeitungen zum "Friedensplan": "Neue Eskalation innerhalb des atlantischen Bündnisses"

Paris/Rom/Moskau - Die divergierenden Standpunkte der USA und Großbritanniens einerseits und Deutschlands und Frankreichs andererseits in der Irak-Frage beschäftigen am Montag zahlreiche Pressekommentatoren.

"New York Post"

"Sie starben für Frankreich, aber Frankreich hat es vergessen", lautete die Schlagzeile der US-Boulevardzeitung am Montag. Unter dem Titel druckte das zur Gruppe des australischen Medienunternehmers Rupert Murdoch gehörende Blatt ein Foto eines US-Soldatenfriedhofs in der Normandie. Sein Herz fülle sich mit Zorn angesichts der "10.000 amerikanischen Kinder, die das letzte Opfer zur Rettung Frankreichs vor Hitler brachten", schrieb Kolumnist Steve Dunleavy.

Die Haltung Frankreichs zur Irak-Frage wird in dem Artikel als typisch für eine Nation beschrieben, die sich üblicherweise "in allen Dingen" widersprüchlich verhalte, "einschließlich der persönlichen Hygiene". "Die Franzosen sind gegen alles, einschließlich der seltsamen amerikanischen Angewohnheit, sich jeden Tag zu duschen." "Es leben die Schwächlinge!", lautet das vernichtende Urteil des Schreibers.

"Le Figaro" (Paris):

"Es gibt viele gewichtige Elemente, die die Linie Frankreichs unterstützen: die Unterstützung der Russen, der Chinesen, die Erklärung der Belgier bis hin zu den Initiativen des Vatikan. Um diesen Krieg gegen den Krieg zu gewinnen, muss Paris eine umfassende Vision der irakischen Frage anbieten, wie Washington. Zunächst müssen die Mittel bereit gestellt werden, um den Irak zu sichern und zu entwaffnen. Und dann muss natürlich der systematische Pazifismus der Deutschen zurückgewiesen werden. Das ist eine riskante Linie, da im Gegensatz zu Washington Paris und Berlin im Verhältnis zu ihren Verbündeten weder das Argument der Wirtschaftshilfe noch der militärischen Hilfe haben. Sie folgen allerdings einer Linie, die ihre Kraft aus der Vernunft schöpft."

"Liberation" (Paris):

"Der deutsch-französische Plan, der je nach Quelle kein wirklicher Plan und auch nicht wirklich deutsch-französisch ist, also dieser deutsch-französische Plan ist die Konkretisierung der Opposition dieser beiden europäischen Staaten gegen die amerikanische Politik. Trotz der vorsichtigen Formulierung bedeuten diese Vorschläge eine neue Eskalation im internen Krieg innerhalb der Atlantischen Allianz. Die Differenzen in den Vereinten Nationen setzen sich in der NATO fort - noch eine Vetodrohung! Diese Organisation, die seit dem Ende des Kalten Krieges bereits stark geschwächt ist, könnte Schwierigkeiten haben, sich davon zu erholen."

"L'Humanite'" (Paris):

"Das Spiel ist noch nicht aus, um diese Kasino-Formulierung von George W. Bush wieder aufzugreifen. Trotz ihres Drucks ist es den Falken im Weißen Haus noch immer nicht gelungen, im UNO-Sicherheitsrat Einstimmigkeit über den Einsatz von Gewalt herzustellen. Die weit verbreitete Opposition der öffentlichen Meinungen reicht bis in die höchsten Staatsämter, wie es der offene Widerstand von Paris und Berlin gegen den Druck der USA zeigt. Man muss Paris darin hindern, in letzter Minute diesem Druck nachzugeben."

"La Repubblica" (Rom):

"Das sind Tage, die auf der Zukunft Europas lasten werden. Bald werden wir erfahren, ob unser Schicksal das einer zahmen, wohlhabenden Schweiz sein wird oder das eines Kontinents, der seine Persönlichkeit zurück gewinnt. Harmloser Vasall oder würdiger Verbündeter. (...) Zeichnet sich ein zeitweises russisch-französisch-deutsches Einverständnis ab, um den US-amerikanischen Krieg gegen den Irak zu stoppen? Washington wird nervös."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Frankreich und Deutschland haben es für zweckmäßig gehalten, zu den USA auf Distanz zu gehen, und das nicht im Namen einer 'europäischen Autonomie' oder anderer nobler Ideale, sondern ausschließlich und ganz simpel im Namen ihrer eigenen Interessen, wie sich diese den jeweiligen Regierungen darstellen. (...) Sie sind zu Washington auf Abstand gegangen, weil Chirac es für nützlich hält, dem traditionellen Antiamerikanismus und den Öl-Interessen seines Landes Ausdruck zu verleihen, und weil Schröder es für politisch nützlich hält, dem Pazifismus seiner deutschen Linken nachzukommen; und schließlich, und das vor allem, weil beide Länder das Interesse haben, und zwar ein starkes nationales Interesse, der EU den Stempel einer französisch-deutschen Hegemonie aufzudrücken."

"Iswestija" (Moskau):

"Die eurasische Geopolitik gibt einen eindeutigen Weg vor. Wir sollten die 'Achse Paris-Berlin' um Moskau erweitern. Europa rückt auf dem Festland enger zusammen. Dieses Mal ist der Zusammenschluss nicht gegen Russland gerichtet, sondern gegen die Supermacht USA und deren europäischen Verbündeten Großbritannien. Russland darf jetzt keine Zeit verlieren, indem es abwägt, welche Entscheidung mehr Vorteile bringt (...) Frankreich und Deutschland basteln an einem eurasischen Imperium. Dieses Angebot müssen wir genau prüfen. Jetzt können auch russische Patrioten mit Inbrunst sagen: 'Auf nach Europa!'" (APA/dpa)

Share if you care.