Liebe (verhasste) Bulimie!

1. August 2008, 18:43

Gastautorin Bettina F. verarbeitet ihre ambivalenten Gefühle ihrem Symptom gegenüber literarisch

Liebe (verhasste) Bulimie!

Dass ich meinen Brief an dich mit "Liebe" beginne, erfordert lediglich die Form, denn lieb bist du ganz gewiss nicht. Ich hasse dich, denn du machst mich kaputt und raubst mir mein Leben. Ich wünschte, ich hätte dich niemals kennen gelernt. Doch ich habe immer nach jemandem wie dir gesucht. Jemanden, auf den ich mich verlassen konnte. Jemanden, der immer für mich da war, wenn ich ihn brauchte. Ich fühlte mich einsam und ungeliebt, hässlich und wertlos. Mein Leben lag brach. Du versprachst mir deine Hilfe und ich nahm sie bereitwillig an - ohne mir der Folgen bewusst zu sein. Doch dein Versprechen hast du nie gehalten, nicht damals und auch nicht jetzt. Du hast dich mir heimtückisch genähert und meine seelische Not benutzt, um mir dein Gift zu injizieren. Mit der Zeit hast du mich immer mehr vereinnahmt, bis du schließlich die uneingeschränkte Kontrolle über mich errungen hattest. Du lähmst mich in all meinem Tun und Lassen. Du entziehst meiner Welt die Farben und tunkst sie in tiefes Grau. Du hast mein gesamtes Denken und Handeln unter deine Herrschaft gebracht und ich bin deinem Walten machtlos ausgeliefert. Ich bin zu deiner stimm- und rechtlosen Sklavin geworden und fühle mich wie ein getriebenes Tier - fremdbestimmt. Ich möchte dich abschütteln, dir davonlaufen, dich vergessen, dich anschreien, dich ertränken, dich vernichten - doch du lässt mich nicht los und ich stehe dir macht- und kraftlos gegenüber. Du machst mich zugleich wütend und traurig, einsam und hilflos, verzweifelt und leer.
Du beherrschst meine Sinne. Sie sind blind vor der Schönheit der Welt geworden und nehmen nur noch eines wahr: Essen.
Ganz egal wo ich bin, egal wohin ich gehe, ich höre überall deine Stimme, die mir immerzu dasselbe ins Ohr flüstert.

 


 

Du versprichst, dass große Mengen an Nahrung den unerträglichen Schmerz zu lindern, und die tiefe Leere in mir auszufüllen vermögen. Du willst mich glauben machen, dass normale Portionen sinnlos sind, denn sie führen unweigerlich zur Gewichtszunahme. Du kennst mich genau und weißt, wie sehr ich mich davor fürchte. Es ist dein Druckmittel, mit dem du mich Tag für Tag gefügig machst. Du redest so lange auf mich ein, bis ich dir glaube und mich deiner Stimme beuge.

Für eine kurze Weile ist der Schmerz in mir tatsächlich ein wenig betäubt und ich kann alles um mich herum vergessen. Aber du bist gemein und hinterhältig, denn dein Versprechen hältst du nie. Am Ende lachst du mich hämisch aus, denn die Betäubung lässt nach und ein neuer Schmerz durchdringt meinen Körper. Mir tut alles weh. Mein Bauch droht zu platzen und ich fühle mich elend. Aber du würdest dich nicht meine Freundin nennen, wenn du mich mit dieser Misere alleine lassen würdest. Du flüsterst mir zu, dass ich doch all die Kalorien einfach wieder loswerden kann, indem ich sie wieder hochwürge und in der Kanalisation verschwinden lasse. Und du versprichst mir, dass mit den bösen Kalorien dann auch der ganze Schmerz endlich verschwindet. Diesmal aber wirklich! Und wieder glaube ich dir, denn du bist eine sehr gute Überredungskünstlerin!

Aber deine Bösartigkeit kennt keine Grenzen. Denn wieder belügst du mich. Natürlich verschwindet der Schmerz nicht. Ich fühle mich schwach und hasse mich, denn ich habe wieder gegen dich verloren, ich habe wieder versagt.

 


 

Jedes mal schwöre ich mir, dass es das letzte Mal war, dass ich nicht mehr auf dich hereinfallen werde.
Doch du lauerst mir überall auf, um mich erneut zu verführen. Immer wieder gelingt es dir, mich mit deinen falschen Versprechungen zu ködern und ich sehe mich dir hoffnungslos ausgeliefert.
Trotz all dem Leid, das du mir bringst, bist du mir auch eine gute Freundin, die meinen seelischen Schmerz für kurze Zeit zu lindern vermag. Du hilfst mir, ihn zu ertragen. Du lässt mich nie im Stich und stehst mir überall zur Seite. Wahrscheinlich hast du mir schon unzählige Male das Leben gerettet, denn ohne dich wäre ich an meinem Schmerz schon längst zugrunde gegangen. Du hast mich davon überzeugt, dass ich dich brauche, dass ich ohne dich nicht mehr leben kann. Ich weiß nicht, wie ich mich von dir lösen kann, du klammerst dich an mich und ich mich an dich.

Meine Vernunft ist das einzige, was sich dir ein wenig zu widersetzen vermag. Sie ist deine größte Feindin, denn sie versucht dir Einhalt zu gebieten. Doch du hast ihr fast all ihre Kraft geraubt und mir den Kontakt zu ihr verboten. Aber du merkst selbst, so einfach lässt sie sich nicht vertreiben. Immer wieder sagt sie mir, dass du keine gute Freundin bist und meine Not nur vergrößerst. Sie fleht mich an nicht auf dich zu hören und versucht deine Versprechungen als Lügen zu enttarnen.

Jeden Tag tragt ihr immer und immer wieder einen Kampf in meinem Inneren aus. Es ist ein wilder Kampf, der mich erschöpft. Dieser Kampf, der in mir tobt, ist blutiger geworden, denn meine Vernunft hat an Stärke gewonnen. Als sie am Boden lag, kraftlos und unfähig sich gegen dich zu wehren, bat sie mich Hilfe zu suchen. Sie sagte, dass sie alles versucht und all ihre Ressourcen verbraucht hat, um mich zu retten, aber sie war zu schwach um dich zu vertreiben. Und ich habe ihren Hilferuf gehört.
Ich weiß, dass dich das stört und du fürchtest die Kontrolle über mich zu verlieren. Aber ich fühle mich so ohnmächtig mit dem Schmerz, den du mir aufbürdest.

 


 

Auch mein Körper stöhnt unter den Torturen, die du ihm täglich zumutest. Noch scheint er stark genug, aber wann wird auch seine Kraft erschöpft sein? Du entziehst ihm Nahrung, die er zum Leben braucht, du misshandelst und folterst ihn. Und er - er lässt alles geduldig über sich ergehen. Manchmal rebelliert er und straft mich mit Schmerzen. Es ist als würde er mir zurufen wollen: warum tust du mir das an, warum hast du keine Achtung mehr vor mir?

Ich hasse dich auch, weil du so furchtbar unsichtbar bist! Du zerstörst mich von Innen, still und unbemerkt. Du willst von niemandem gesehen werden und zwingst mich zu einem Doppelleben, das mir zuwider ist. Du fürchtest wohl, dass du nicht mehr so frei mit mir walten kannst, wenn jemand von dir weiß, nicht wahr?
Und es ist dir tatsächlich gelungen, mir so viel Scham und Angst einzureden, dass ich dich verstecke. Du willst ein Geheimnis sein, das nur wir beide teilen.

Du zwingst mich zu lügen, mich zu verstellen, und vor anderen glücklich und entspannt zu wirken, wenn alles in mir rebelliert und nach Hilfe schreit. Du hast mich davon überzeugt, dass ich selbst an allem Schuld trage, immerhin habe ich doch freiwillig den Kontakt zu dir aufgenommen.
Doch ich will, dass du jetzt wieder verschwindest, mich in Ruhe lässt!
Ich habe große Angst, dass ich nie gänzlich den Kontakt zu dir abbrechen können werde. Denn eines der beiden Dinge, nach denen du mich süchtig gemacht hast, wird mich ein Leben lang begleiten: das Essen.

 


 

Es ist ein Teufelskreis, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Du hast alles kaputt gemacht! Du hast mir Liebe und Anerkennung versprochen, wenn ich an Gewicht verliere. Du hast gelogen. Was nützt mir meine Figur, wenn ich mich deinetwegen in der Isolation und einem Sumpf aus Selbsthass und Selbstmitleid verkriechen muss?!? Ich will nicht mehr bloß überleben - ich will leben!!!

Warum gehst du nicht einfach weg? Was willst du denn von mir? Warum willst du mich vereinnahmen, als würde ich nur dir gehören und du nur mir?!? Ich will diese traute Zweisamkeit doch gar nicht!!!
Aber du hast mir meine Sprache geraubt, hast mich verstummen lassen. Dein Ruf ist so schlecht, dass keiner es zugeben mag, dich zu kennen. Ich weiß, dass dir das gefällt, denn es verschafft dir alle Freiheiten dieser Welt. Du kannst dir heimlich viele Freunde suchen, die nichts voneinander wissen. Hinterlistig bietest du deine Hilfe an, die Lösung für viele Probleme - dein wahres Gesicht zeigst du erst, wenn du deine Opfer schon gefügig gemacht hast!

Und dafür hasse ich dich! Ich hasse dich für das, was du aus mir gemacht hast!
Aber wie ich bereits erwähnte, habe ich den Hilferuf meiner Vernunft gehört. Und ich habe mich nun entschlossen, mir tatsächlich Hilfe zu suchen. Ich werde gegen dich kämpfen, das sollst du wissen.
Ich weiß, du wirst es mir nicht einfach machen und immer wieder versuchen mich zu überlisten. Aber ich werde kämpfen, da kannst du sicher sein. Hätte ich gewusst, wie schwer es ist deine Hand wieder loszulassen, ich hätte sie nie berührt!

Deine xxx

Kontakt

Für Betroffene und Interessierte hat Bettina F. eine eigene Kontakt-E-Mail-Adresse eingerichtet: awan-awan@gmx.at

(Der Name der Autorin wurde geändert und ist der Redaktion bekannt.)

Literaturtipps

  • Johnston, Anita: Die Frau, die im Mondlicht aß. Verlag Droemer/Knaur 2007 (Neuauflage). Euro 9,20. ISBN 978-3-426-87376-2.
  • Wardetzki, Bärbel: Weiblicher Narzissmus. Der Hunger nach Anerkennung. Kösel Verlag 2007. Euro 18,50. ISBN 978-3-466-30765-4.
  • Bild nicht mehr verfügbar
    "Jeden Tag tragt ihr immer und immer wieder einen Kampf in meinem Inneren aus. Es ist ein wilder Kampf, der mich erschöpft."
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