"Zurück zur Natur ist ein Irrtum"

22. April 2008, 18:47
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Die britische Ökologin Anne Lawrence war Gast der Tagung "Mountain Forests in a Changing World" - ein DER STANDARD-Interview

Sie erzählte von der Herausforderung von Bergwaldbewohnern, im Einklang mit der Natur zu leben, und von der emotionalen Bindung zum Wald. Susanne Strnadl fragte nach.

Der Standard: Sind Bergwälder anders als Tieflandwälder?
Lawrence: Ja, sie weisen viel stärkere kleinräumige Unterschiede auf - es kann etwa große Unterschiede zwischen Nord- und Südhängen geben -, sie sind schwerer zugänglich und leichter aus dem ökologischen Gleichgewicht zu bringen. Die Leute, die sie bewohnen, sind gewöhnlich ärmer und traditionsbewusster als die Bewohner von Wäldern im Tiefland. Außerdem sind Bergwälder eher im Besitz einer Gemeinschaft als Tieflandwälder.

Der Standard: Warum sind Leute, die in Bergwäldern wohnen, ärmer als Bewohner von Tieflandwäldern?
Lawrence: "Arm" ist ein relativer Begriff und hängt davon ab, was man misst, aber allgemein ist Bergland nicht so produktiv, schwerer zu bearbeiten und mehr Klimaextremen ausgesetzt. Es ist mehr Aufwand nötig, die Bodenerosion hintanzuhalten. Auch die Wege zum Markt sind länger, was natürlich Logistikprobleme macht. Das alles führt dazu, dass sowohl Menschen als auch Pflanzen für ihre Aktivitäten mehr Energie brauchen als im Tiefland. Die Frage ist außerdem: Sind die Leute ärmer, weil sie im Bergland leben, oder leben sie im Bergland, weil sie arm sind? Die reichsten Menschen leben nicht an abgelegenen Orten - sie haben dort vielleicht ein Wochenendhaus, aber sie leben nicht auf Dauer dort. Es ist wie im Tierreich: Die dominanten Arten suchen sich die besten Habitate aus.

Der Standard: Ist die Rolle der Bergwälder überall dieselbe, oder gibt es regionale Unterschiede?
Lawrence: Wenn man sehr weit generalisiert, wurde im Lauf der Menschheitsgeschichte in der gemäßigten Zone zuerst das Tiefland besiedelt, weil es leichter zu kultivieren ist. In den Tropen entstanden die ersten Zivilisationen auf den Bergen, weil dort das Klima angenehmer ist und Krankheiten, Insekten und Ähnliches seltener sind.

Der Standard: Sie haben in 23 Ländern gearbeitet - haben Sie ein Volk gefunden, das mit seiner Umwelt "in Harmonie" lebt?
Lawrence: Ich habe vorwiegend in der "Entwicklung" gearbeitet - das bringt einen nicht in die stabilsten Gebiete. Und auch wenn für einen Beobachter von außen alles harmonisch aussieht, gibt es oft unter der Oberfläche Probleme. Städter romantisieren oft das Leben von Menschen in Bergwäldern, weil ihnen die Natur in ihrem eigenen Leben fehlt, doch für jene, die jahrein, jahraus so leben, ist das gar nicht romantisch, sondern eine Überlebensfrage. Und für traditionelle Gesellschaften ist es eine Überlebensfrage, in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben. Die Gesellschaften, die das nicht geschafft haben, sind ausgestorben - siehe Osterinseln. Ich halte es für einen Irrtum, "zurück zur Natur" zu wollen. Wir können Pandoras Büchse nicht mehr schließen. Stattdessen sollten wir unsere Lernfähigkeit und unser Bewusstsein dazu benützen, uns aktiv für Harmonie zu entscheiden.

Der Standard: Ist es möglich, die verschiedenen lokalen Benutzer von Bergwäldern unter einen Hut zu bringen?
Lawrence: Ich glaube generell nicht daran, dass es möglich ist, absoluten Konsens zu erzielen. Wir lernen aus Konflikten - Katastrophen entstehen aus der Unterdrückung von Konflikten. Das Wichtigste sind Transparenz und ein offener Dialog. Wenn es jedoch ein höheres Ziel gibt, ohne das auf die Dauer die Interessen aller Beteiligten gefährdet sind - wie etwa die nachhaltige Nutzung von Wäldern -, kann man dieses Ziel gemeinsam erreichen. Es gibt eine Menge Arbeiten dazu, wie Gemeinschaften zusammenarbeiten, um natürliche Ressourcen, wie Wälder, zu managen - das ist also gut untersucht.

Der Standard: Gibt es politische Systeme, die der Umwelt weniger schaden als andere?
Lawrence: In manchen Ländern passte etwa der Kommunismus sehr auf seine Wälder auf; aber weil sie verstaatlicht waren, konnte sich die Bevölkerung kaum mit ihnen identifizieren. Es gibt auch die Variante der politischen Vernachlässigung: In manchen asiatischen Ländern wird die Gesetzgebung für Gemeinschaftswälder seit Jahren aufgehalten, also regeln das die Bewohner selbst. Am schlimmsten für die Umwelt sind wahrscheinlich Demokratien mit extremen Rechten für das Individuum. Andererseits haben sich z. B. in den USA viele Gemeinschaften zum Schutz der Umwelt organisiert.

Der Standard: Glauben Sie, dass der Mensch die negativen Folgen für die Umwelt eindämmen kann?
Lawrence: Ich bin ziemlich optimistisch für Europa und vorsichtig optimistisch für andere Regionen. Die Klimakonferenz auf Bali hat die Sichtweise auf Wälder massiv geändert, weil plötzlich ihr Potenzial zur CO2-Speicherung oder -Reduktion politisch erkannt wird. Wir sind aber immer noch in Gefahr, den Verlust an Artenvielfalt und die kulturelle Beziehung zwischen Menschen und Wäldern zu unterschätzen. Für viele sind Wälder nach wie vor eine Industriestätte, dabei müssen wir die emotionale und psychologische Bedeutung von Wäldern erkennen.

Zur Person

Anne Lawrence (41) hat Pflanzenökologie und Forstwirtschaft studiert und beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Menschen und Bäumen. Von 2001 bis 2007 war sie Leiterin des Human Ecology Teams am Environmental Change Institute der englischen Oxford University. In dieser Tätigkeit initiierte sie Forschung, die in einer Partnerschaft zwischen der lokalen Bevölkerung und Wissenschaftern durchgeführt wird. Heuer wurde sie Leiterin der Sozialen und Ökonomischen Forschung der britischen Forstwirtschaftskommission. (strn/DER STANDARD, Printausgabe 23.04.2008)

http://www.boku.ac.at

Zahlreiche Förderprogramme sollen die Zahl der Frauen in Wissenschaft und Forschung erhöhen: "FEMtech", eine Initiative des Infrastrukturministeriums, versucht das über die Programmschienen "Karriere" und "Karrierewege" und über die Wahl der "Expertin des Monats". Die Großinitiative fForte wird von vier Ministerien getragen (Wirtschaft, Wissenschaft, Infrastruktur und Unterricht), "Wirtschaftsimpulse für Frauen in Forschung und Technologie" (w-fForte), kommt vom Wirtschaftsministerium allein und soll vor allem Gründerinnen im Technologiebereich unterstützen. Das fForte-Coaching des Wissenschaftsministeriums soll Forscherinnen motivieren, sich an Programmen zu beteiligen. Das Wissenschaftsministerium zahlt auch über den Wissenschaftsfonds FWF vergebene Stipendien zur Förderung von Wissenschafterinnen, und zwar im Hertha-Firnberg- und im Elise-Richter-Programm. Ähnliche Zielsetzungen hat das L'Oreal-Stipendiumprogramm.

 

  • Für viele Menschen sind Wälder nach wie vor Industriestätte. Wir müssen aber die emotionale und psychologische Bedeutung von Wäldern erkennen.
    Für viele Menschen sind Wälder nach wie vor Industriestätte. Wir müssen aber die emotionale und psychologische Bedeutung von Wäldern erkennen.
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