Die leisen Töne des Lebens hören

22. April 2008, 10:03
2 Postings

Katharina Schoene ist Teamleiterin einer Wohngruppe für Kinder mit schweren Behinderungen - ein dieStandard.at-Porträt

Wenn Katharina Schoene über "unsere Kinder" spricht, dann steht ein Lächeln auf ihren Lippen. "Sie sind für mich eine große Bereicherung, immer wieder aufs Neue", sagt die Teamleiterin einer Wiener Wohngruppe für Kinder mit schweren Behinderungen, "und die Arbeit mit ihnen beinhaltet all das, was ich immer machen wollte."

Schon als Kind hatte die gebürtige Leipzigerin regelmäßig Kontakt zu Menschen mit Behinderungen: "Ich bin ein Pfarrerskind und mein Vater hat viel mit der Diakonie zusammengearbeitet - in unserem Pfarrhaus-Alltag war daher immer Platz für jeden und es waren auch öfters Menschen mit Behinderungen zu Gast. Dadurch habe ich sehr früh Toleranz und einen vorurteilsfreien Umgang mit ihnen gelernt."

Nach der Schule entschied sich Katharina Schoene für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Alterspflegeheim, wo ihr klar wurde, dass sie beruflich mit behinderten Menschen arbeiten möchte. Die Studienwahl fiel auf Sonder- und Heilpädagogik, mit Lehramt für Sonderschule - wo sie nach dem Abschluss aber nicht lange bleiben sollte: "Ich habe schnell gemerkt, dass mir die Arbeit im Schulsystem zu stark am Menschen vorbeigeht und das nicht dem entspricht, was ich wollte: Für mich muss der Mensch im Mittelpunkt stehen, ihm will ich meine ganze Aufmerksamkeit schenken können - das war in der Schule nicht möglich."

Dem "Das is' es nicht" folgte eine längere Suche nach dem "Was ist es dann?": Die gelernte Sonderpädagogin stieg aus dem Schulbetrieb aus, brach ihre Zelte in Deutschland ab und zog in ihre "Traumstadt" Wien, von der sie seit einem Erasmus-Studienaufenthalt schwärmte: "Ich hab gespürt, dass ich hier die Aufgabe finden werde, nach der ich suche." Während sie Bewerbungen verschickte, jobbte sie im Einzelhandel - bis das Angebot der Wohngemeinschaft kam: "Schon beim Betreten der Wohnung hab ich gewusst: Das ist mein Platz für die nächsten Jahre."

Betreuung rund um die Uhr

Schoenes Hauptaufgabe ist es, neben den organisatorischen Aufgaben als Teamleiterin, die acht Kinder der Wohngemeinschaft im Alltag zu begleiten. Manche Kinder haben noch Kontakt zu ihren Eltern, manche sind auch Vollwaisen. "Die meisten unserer Schützlinge sind rund um die Uhr auf Unterstützung angewiesen. Dazu gehören Hilfe bei der Nahrungsaufnahme, Körperpflege, schulische Begleitung, Ausflüge, Arztbesuche, genauso wie spielen, vorlesen, singen oder spirituelle Erziehung." Dabei müsse sie sich mit den Kindern auf eine "andere" Art von Kommunikation einlassen, "eine Kommunikation auf ihre Art: Man muss in ihre Welt eintauchen. Plötzlich eröffnen sich dann auch für einen selbst ganz neue Wege und Sichtweisen, denn Menschen mit Behinderungen nehmen Dinge wahr, die wir oft nicht oder nicht mehr wahrnehmen."

Als wichtigste Voraussetzungen für ihre Tätigkeit nennt die Sonderpädagogin Teamfähigkeit, medizinisches und pädagogisches Basiswissen und vor allem Liebe zu den Menschen sowie die Fähigkeit, sich abgrenzen zu können - "für mich immer wieder ein Lernprozess." Besonders wichtig sei es auch, Menschen mit Behinderungen als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu betrachten: "Wenn man in ihnen nur arme, behinderte Personen sieht, kann man mit ihnen auch nicht gleichwertig umgehen."

Schade findet Schoene, dass nicht mehr Männer in Wohngruppen arbeiten, weil sie als Vorbild für die Kinder wichtig sind. "So wie wir auch ein Stück weit die Mutterrolle übernehmen - man ist in dem Beruf überhaupt so vieles: Managerin, aber auch Mutter, Hausfrau, Pädagogin, Krankenschwester, ... es ist ein sehr vielfältiger Job."

Beruflichen Erfolg misst die 30-Jährige am "Prinzip der kleinen Schritte": "Der größte Fortschritt des Tages ist, wenn ein Kind alleine seinen Löffel halten kann oder auf einmal einen Satz, eine Frage oder einen Vorgang begriffen hat und Antworten gibt oder Reaktionen zeigt, die ihm aufgrund seiner Behinderung sehr schwer fallen. Das ist eine unglaubliche Freude, etwa so, als würde man dabei sein, wie ein Kind laufen lernt."

Schmerz und Belastung

Neben der Begeisterung für ihren Beruf spüre Schoene nach einem Dienst in der Wohngruppe natürlich auch die Anstrengung, die ihr Job mit sich bringt: "Manchmal schleppe ich mich nach der Arbeit richtiggehend nach Hause. Man muss ja die ganze Zeit voll konzentriert bei der Sache sein, das fordern die Kinder auch ein, man kann diese Arbeit unmöglich nur halb machen." Und natürlich nehme sie immer wieder auch Dinge aus dem Beruf ins Privatleben mit: "Freilich denkt man über vieles nach, ich kann nicht immer alles wegschieben, weil mich die Dinge und Ereignisse ja auch persönlich berühren und betreffen. Damit muss man gut umgehen können, damit es in der Freizeit nicht zur Belastung wird."

Besonders wenn ein Kind stirbt, sei das für alle im Team eine harte Belastungsprobe: "Manche Kinder in unserer Wohngruppe haben durch ihre schwere Behinderung nur eine begrenzte Lebenserwartung - das ist für uns als BetreuerInnen neben der pädagogischen auch eine große persönliche Herausforderung, weil wir uns dann auch dem eigenen Umgang mit dem Tod stellen müssen. Und man beginnt die Kinder schließlich zu lieben - der Abschied ist dann sehr, sehr schmerzlich." Sie selbst hat sich durch eigene persönliche Erfahrungen und ehrenamtliche Mitarbeit in einem Kinderhospiz in Leipzig schon viel mit dem Thema Tod auseinandergesetzt, was ihr nun, in der WG, eine große Hilfe ist. Die Stärke für den Beruf beziehe sie aus ihrem Glauben und ihren privaten Beziehungen; außerdem erhielten die BetreuerInnen bei Bedarf Unterstützung und Rat von Hospizdiensten sowie durch regelmäßige Supervision, Seelsorge und in Teamgesprächen.

Die kleinen Zeichen erkennen

Ihr Beruf, sagt Katharina Schoene, das sei für sie zugleich auch Berufung: "Für Menschen mit Behinderung ganz da sein zu können, das ist, was ich immer wollte. Für mich sind diese Kinder ganz besondere Menschen, von denen ich unglaublich viel lerne. Sie öffnen mir immer wieder die Augen für das Wesentliche im Leben, mit ihrer Stärke, ihrer Lebensfreude, ihrer Dankbarkeit für alles, was man ihnen schenkt. Von ihnen habe ich gelernt, das Leben aus einer neuen, viel bewussteren Perspektive zu betrachten und die kleinen Zeichen des Lebens zu erkennen, die leisen Töne zu hören." (Isabella Lechner, dieStandard.at/20.4.2008)

 

  • Artikelbild
    foto: privat
  • Artikelbild
    foto: privat
  • Artikelbild
    foto: privat
  • Artikelbild
    foto: privat
Share if you care.