Was tun bei Anorexie und Bulimie?

13. April 2008, 17:00
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Bewegungsanalytikerin Gabriele Haselberger, Mitarbeiterin von intakt, hat für dieStandard.at einen Katalog an möglichen Maßnahmen zusammengestellt

"Bei Ess-Störungen geht es ja nicht bloß ums Essen oder Nichtessen", betont Gabriele Haselberger, Expertin von intakt, dem Therapiezentrum für Menschen mit Ess-Störungen, im Gespräch mit Dagmar Buchta. "Vielmehr ist das Essen oder die Verweigerung desselben so etwas wie ein Symptomträger, ein Symbol für das tatsächliche Problem. In Wirklichkeit geht es um die eigene Kreativität, um Gefühle, Liebe und Selbstliebe, die Lebensgestaltung insgesamt". Um das sich selbst Nähren, um Verzicht, ums Einverleiben und Loslassen, darum, was (noch) nicht gelebt werden kann, um Ersatz, Kompensation, Sublimierung.

Und da die Probleme sehr different sein können, sei es "ganz wichtig, zu sagen, dass es DIE Lösung schlechthin nicht gibt, um aus einer Ess-Störung herauszukommen", erklärt Haselberger. Aber es gibt einige Punkte, die frau/man bzw. die Angehörigen beachten sollte/n. Im folgenden wird auf die beiden häufigsten Ess-Störungen Anorexie und Bulimie eingegangen. Die ebenso weit verbreitete Binge-Eating-Disorder wird zu einem späteren Zeitpunkt behandelt.

Woran frau/man erkennt, ob sie/er gefährdet ist, eine Ess-Störung zu entwickeln

Untrügliche Zeichen sind ständiges Beschäftigtsein mit den Themen Essen, Nicht-Essen, Zunehmen und Abnehmen. Tägliche ängstliche Blicke auf die Waage, Kalorienzählen. Selten wird nur das gegessen, was wirklich gemocht wird, sondern das, was "schlank" macht oder hält. Der Umgang mit Nahrung und mit dem Körpergewicht wird immer zwanghafter. Ein weiteres Signal kann der Umstieg auf eine anscheinend gesunde, oft auch fleischlose Ernährung sein. Das ist mit Sicherheit dann der Fall, wenn von den gesunden Nahrungsmitteln immer weniger gegessen wird. Lebensmittel werden in "erlaubte" und "verbotene" eingeteilt. Desöfteren werden auch Appetitzügler, Abführmittel oder Entwässerungstabletten eingenommen. Nach dem Essen erfolgt manchmal oder immer der Gang auf die Toilette, um zu erbrechen.

"Das Essen bzw. der Verzicht auf Essen wird benützt, um Gefühle zu unterdrücken oder Konflikte zu vermeiden", erklärt Gabriele Haselberger, "Schritt für Schritt wird alles, außer die Kontrolle über das Essverhalten unwichtig, FreundInnen, Spaß haben, etwas zusammen unternehmen … Schöne Dinge werden auf einen Zeitpunkt verschoben, an dem man schlank ist und ein neues Leben beginnt".

Woran Außenstehende erkennen, dass es sich um Bulimie handelt

Das Essverhalten in der Öffentlichkeit ist meist unauffällig, eher kontrolliert und gesund, kalorienbewusst und fettarm. Auffällig wird es, wenn große Mengen gegessen werden, aber die- bzw. derjenige dennoch abnimmt. Wenn sie/er nach dem Essen aufs Klo verschwindet. Ein Rückzug von sozialen Kontakten erfolgt. Die Person sehr leistungsorientiert ist und aufgrund dessen oft auf andere Freizeitaktivitäten verzichtet wird. Die Stimmung ist öfters gedämpft und der Umgang mit sich selbst weist starke Selbstkritik und Selbstzweifel auf. Wegen der enormen Mengen an Lebensmitteln, die bei Essanfällen verschlungen werden, kann es zu erhöhtem Geldbedarf kommen.

Besonders auffällig sei der Perfektionismus der Betroffenen, egal ob es sich um hohe schulische bzw. berufliche Leistungen oder perfektes Aussehen handelt, das nie "perfekt" genug ist. Oft wird exzessiv Sport betrieben. Außerdem bestehen Veränderungen im emotionalen Erleben der Betroffenen, die oft zwischen Extremen schwanken. "Sie haben scheinbar viele FreundInnen scheuen aber vor wirklicher Intimität zurück, und haben keine wirklich nahen FreundInnen. Perfekte Fassade, innen nagen Selbstzweifel und sie hassen ihren Körper" fasst Haselberger zusammen.

Woran Anorexie erkennbar ist

Erstes Erkennungszeichen: wenn jemand in kurzer Zeit sehr viel abgenommen hat. Das Gefühlsleben ist starr und die Betroffenen wirken emotionslos. Fehlende Krankheitseinsicht, Schwierigkeiten werden abgestritten. Sozialer Rückzug, depressive Verstimmungen bis schwere Depressionen sind möglich. Kontrolle bestimmt ihr Leben. "Anorexie ist als Autonomiebestreben zu verstehen. Ein Ablösungsprozess vom Elternhaus, der in der Pubertät normal ist, wird durch die Magersucht vollzogen. Es bestehen viele unterschiedliche Ursachen und unterschiedliche Auslöser", erklärt Gabriele Haselberger.

Ein ritualisiertes Essverhalten, nicht nur bei der Auswahl, sondern auch beim Umgang mit den Nahrungsmitteln ist typisch. Zumeist beschränkt sich die Nahrungsaufnahme auf ganz spezielle Lebensmittel. Das Interesse am Einkaufen, Essen und Kochen ist groß, jedoch essen sie selbst wenig oder gar nicht. Mit anderen gemeinsam zu essen, wird vermieden mit Aussagen wie "Ich habe keinen Hunger, ich habe schon gegessen". Mit der Zeit verändert sich die Persönlichkeit. Das Augenmerk auf das Äußere wird immer wichtiger - öfter in den Spiegel schauen, auf die Waage stellen, sich abwiegen - das Leben reduziert sich immer mehr auf das Äußere. Der Körper wird als Last erlebt und die- oder derjenige erlebt sich trotz sichtbarer Dünnheit noch immer als zu dick und unförmig vor allem am Bauch, am Gesäß und den Oberschenkeln.

Wie die ersten Schritte aussehen können

Auf jeden Fall das Gespräch suchen. Es ist wichtig, die bzw. den Betroffene/n in ihrer Krankheit zu respektieren und ernst zu nehmen. Zum Beispiel: "Ich sehe, dass du immer mehr abnimmst; ich sehe, wie du immer wieder dein Gewicht kontrollierst; ich habe den Eindruck, dass du immer weniger mit deinen Freundinnen unternimmst; ich erlebe dich als sehr zurückgezogen ...". Im Gespräch ist darauf zu achten, nicht zu bewerten und zu kommentieren. Es sollte nicht gedrängt werden, keine Vorwürfe gemacht oder mit Aggressionen und schon gar nicht mit Panik reagiert werden.

Falls tatsächlich eine Ess-Störung vorliegt, sollte die- bzw. derjenige dazu angehalten werden, professionelle Hilfe anzunehmen. Informationen können gegeben und Kontaktadressen zur Verfügung gestellt werden, möglicherweise kann auch mit einem Arzt oder Ärztin des Vertrauens gesprochen werden. "Es ist auch möglich, selbst bei Beratungsstellen anzurufen, um sich selbst Hilfe zu holen, aber nicht hinter dem Rücken der oder des Betroffenen Termine ausmachen. Immer offen und nachvollziehbar sein. Verschiedene Zentren bieten auch Beratung für Angehörige oder Bezugspersonen an", erklärt Haselberger.

Den ersten Kontakt herstellen

Es gibt einige Websites von Therapiezentren, die email-Beratung bzw. Foren zum Austausch anbieten und die interessante Informationen zum Thema Ess-Störungen anbieten: Links, informative Artikel, Literatur usw. finden sich auf dieStandard.at. Die Stadt Wien hat eine Hotline - http://www.essstoerungshotline.at/ - eingerichtet, die ebenfalls erste Hilfestellung anbietet und - wenn notwendig - an Beratungsstellen und ProfessionalistInnen weitervermittelt. Das Therapiezentrum intakt bietet ebenso telefonische Beratung sowie email-Beratung an.

Und wie's weiter gehen kann

Wenn ein erster Kontakt hergestellt bzw. Informationen eingeholt wurden, gilt es zu entscheiden, welche Behandlung die beste für die Betroffene oder den Betroffenen ist. "Eine Behandlung von Essstörung sollte sowohl medizinische als auch psychotherapeutische Betreuung beinhalten. Wichtig ist - aufgrund der vielfältigen körperlichen Schäden, die eine Essstörung verursachen kann, dass eine medizinische Abklärung verschiedener FachärztInnen sowie regelmäßige Kontrollen durchgeführt werden. Das Therapiezentrum intakt bietet einen interdisziplinären Behandlungsplan bei Essstörungen an, der individuell auf die bestimmte Situation der Betroffenen abgestimmt ist. Aufgrund dessen kann eine weitere Vorgangsweise geklärt werden: ob die oder der Betroffene eine stationäre Behandlung oder eher eine ambulante Behandlung wählen soll", so Haselberger.

Stationären Behandlungen werden angeboten in: AKH, Wilhelminenspital (Kinder- und Jugendliche), Barmherzigen Schwestern, Eggenburg, bzw. weitere Zentren in Deutschland. Meist handelt es sich dabei um Aufenthalte von mehreren Wochen, in denen die KlientIn dort ist. Vorteil dabei: weg von allen, erlernen eines neuen Essverhaltens, medizinische und psychotherapeutische Behandlung, intensive Betreuung rund um die Uhr; Gruppe etc. Vor allem für Magersüchtige, die sehr wenig Gewicht haben, ist es notwendig, wieder zuzunehmen, da der Verlauf von Magersucht ohne Behandlung schwere körperliche Schäden zur Folge haben und sogar tödlich enden kann.

Ambulante Behandlung erfolgt in einer Tagesklinik oder verschiedenen Zentren, die ambulante Behandlung anbieten. Neben der regelmäßigen medizinischen Betreuung - es gibt mittlerweile ÄrztInnen, die mit der Problematik vertraut sind - ist die psychotherapeutische Betreuung wichtig und essentiell - regelmäßig heißt idealerweise einmal pro Woche. Im Schnitt dauert der Prozeß mindestens zwei Jahre, meistens länger. Dafür gibt es unterschiedliche Therapieformen. (dabu/dieStandard.at 13.04.2008)

Informationen:
http://www.intakt.at
office@intakt.at
g.haselberger@intakt.at

Buchtipp:
Silvia Baeck:
Essstörungen - Was Eltern und Lehrer tun können
Balance Buch- und Medienverlag
Bonn 2007
ISBN 978-3-86739-009-5

  • September 2007 in Mailand: Plakat des Fotografen Oliviero Toscani
    alberto pellaschiar
    September 2007 in Mailand: Plakat des Fotografen Oliviero Toscani
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