Rätselhafte Kultfigur

10. April 2008, 10:53
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Die Venus von Willendorf wirft weiterhin Fragen auf - Eine könnte nun nach den Recherchen einer Prähistorikerin gelöst sein

Wien - "Was die Funktion der Venus war, weiß man nicht", sagt Walpurga Antl-Weiser, "und man wird es vermutlich auch nie wissen." Die Prähistorikerin vom Naturhistorischen Museum Wien (NHM) weiß jedenfalls, wovon sie spricht. Schließlich beschäftigt sie sich seit Jahren mit der rund 25.000 Jahre alten und elf Zentimeter großen Kalksteinstatuette aus der Altsteinzeit.

Die Frau von W.

Mittwoch Abend präsentierte sie den Zwischenstand ihrer Recherchen: Ihr Buch mit dem Titel Die Frau von W., das im Eigenverlag des NHM erscheint und anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Auffindung am 7. August 1908 den aktuellen Wissensstand über die rätselhafte Kultfigur zusammenfasst. Die Venus-Expertin kann dabei auch über einige neue Erkenntnisse berichten: über den Ursprung des Steins, aus dem die Statuette mit Feuersteinwerkzeugen gemacht wurde. Das NHM hatte dafür dem deutschen Geoarchäologen Alexander Binsteiner den Auftrag erteilt, nach der Quelle für den verwendeten Kalkstein, einem sogenannten Oolithen, zu fahnden. Mit seinem österreichischen Kollegen Godfried Wessely nahm er Gesteinsproben aus Hauskirchen, Niedersulz, Wolfsthal (Sarmat) und vom Buschberg (Malm) - allesamt in Niederösterreich gelegen - sowie aus dem Kalksteinmassiv der Stránska Skála in Mähren bei Brno.

Nur Oberflächen-Betrachtung

Dabei zeigte sich, dass der Venus-Stein am ehesten mit der Probe aus Mähren übereinstimmte - "was auch mit den Wanderungsbewegungen zusammenpassen würde", wie Antl-Weiser im Gespräch mit dem STANDARD erklärt. Aber auch in dem Fall werde sich ein eindeutiger Nachweis wohl nicht erbringen lassen, denn mehr als oberflächliche Betrachtungen des Steins sind aus konservatorischen Gründen nicht möglich.

Vor noch größeren Rätseln steht man aber im Hinblick auf die offensichtliche Symbolik der gesichtslosen Figur mit den übergroßen Brüsten und der überdeutlich dargestellten Vulva: "Was diese Symbole in der damaligen Gesellschaft bedeuteten, darüber kann man aus der historischen Distanz nur spekulieren", so Antl-Weiser. Möglicherweise sei die Venus ein Fruchtbarkeitssymbol gewesen. Was freilich dagegen spricht: "Biologisch betrachtet, stellt die Venus von Willendorf nicht das Idealbild einer fruchtbaren Frau dar." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.04. 2008)

  • Schwere Brüste, wohlgenährt und eine ausgeprägte Vulva: Ob die Venus Fruchtbarkeitssymbol war, bleibt aber fraglich.
    Schwere Brüste, wohlgenährt und eine ausgeprägte Vulva: Ob die Venus Fruchtbarkeitssymbol war, bleibt aber fraglich.
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