Das Loch im Parkplatz

9. Februar 2003, 21:25
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Eine Kolumne von Biljana Srbljanovic

Als ich vor etwa einem halben Jahr aus Belgrad nach New York aufbrach, versuchte ich mir gut einzuprägen, was ich zurückließ. Der Parkplatz vor meinem Haus war voller Löcher, der Verkehr in der Stadt kollabierte, weil die Arbeiten an der Hauptstraße schon seit Wochen dauerten, die Parteien bereiteten sich auf neue Wahlen vor, das Land hieß Bundesrepublik Jugoslawien, und den Bürgern war es egal.

Während ich in Amerika war, informierten mich Freunde und Familie fast täglich über die stürmischen Ereignisse zu Hause - die zweimal veranstalteten Wahlen, die beide Male scheiterten, die Abreise von Milan Milutinovic (dem bisherigen Präsidenten Serbiens) nach Den Haag, den Schwindel erregenden Aufstieg der Rechten, die beinahe die Wahlen gewonnen hätten, dann über die Abrechnungen zwischen Mafia und Polizei und die Prozesse gegen Exekutoren des gewesenen Regimes.

Viel mehr als meinen "Informanten" schien mir, das Alltagsleben zu Hause habe sich intensiviert, es geschehe etwas Großes, und ich würde, wenn ich zurückkäme, weder meine Stadt noch die politische Situation wiedererkennen. In Amerika, wo ich mich eigentlich nicht so lange aufhielt, hatte ich bereits begonnen, die Identität zu wechseln.

Auf jede Frage, woher ich sei, gab ich unterschiedliche Antworten. "Aus Europa", sagte ich meistens, denn das genügt de facto für Unterhaltungen mit Taxifahrern aus Ecuador oder Verkäufern aus Puerto Rico. "Aus Jugoslawien" - das ist für jene, die auch aus Europa kommen (Taxifahrer aus Russland oder Verkäufer aus der Ukraine). "Aus Serbien" - das ist für jene, die etwas über Basketball, über die politische Geschichte dieser Region wissen oder selbst Exjugoslawen sind (Taxifahrer aus Kroatien oder Verkäufer aus Bosnien).

Im Gespräch mit Bekannten und Freunden aus Belgrad, die vor langer Zeit nach Amerika ausgewandert sind, redete ich oft über meine "doppelte" Herkunft - Mama aus Serbien, Papa aus Montenegro. Diese letzte Komplikation war irgendwie ein Schnörkel auf meiner Unschlüssigkeit, wie ich mich definieren sollte.

Als ich nach all der Zeit, die mir viel länger erschien, als sie wirklich war, endlich nach Hause kam, war ich bereit, alles sofort in Augenschein zu nehmen. Was sich verändert hatte, was geschehen war, was ich nicht wiedererkennen würde und schließlich, was sich gleich geblieben war. Ich landete spät nachts, auf der Fahrt vom Flughafen zu meiner Wohnung registrierte ich nichts außer den Löchern im Parkplatz vor dem Haus.

Getrieben von Nostalgie und Jetlag geriet ich früh am Morgen in den Verkehrskollaps. Die Arbeiten an der Hauptstraße waren längst beendet, aber bei den Staus und der Nervosität der Fahrer gab es keinen Unterschied. Wie ich sehe, bereiten sich die Parteien auf Wahlen vor, die ganz offensichtlich wiederum scheitern werden.

Nur das Land heißt jetzt anders - Staatengemeinschaft Serbien/Montenegro oder so ähnlich. Geändert werden die Verfassung und die Staatsangehörigkeit und die Pässe und sonstigen Dokumente. So heißt es zumindest offiziell. Was sich jedoch nicht ändert: Den Bürgern ist es egal. Denn was auch immer beschlossen wird, das Loch im Parkplatz bleibt. Viel eher als irgendein Staatsname bestimmt es unsere Identität. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2003)

Biljana Srbljanovic ist Dramatikerin in Belgrad

Übersetzung aus dem Serbischen: Barbara Antkowiak
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