Waffenstillstand: Sharon führt diskrete Gespräche

9. Februar 2003, 19:47
1 Posting

Neuer Versuch, Yassir Arafat zu umgehen - Rückzug im Tausch gegen einen Verzicht auf Attentate

Beide Seiten sind skeptisch, aber immerhin sind erstmals seit Wochen wieder israelisch-palästinensische Gespräche auf hoher Ebene in Gang gekommen. Nachdem Israels Premier Ariel Sharon am vergangenen Mittwoch den palästinensischen Parlamentspräsidenten Abu Alla diskret in Jerusalem empfangen hatte, haben Sharons Kanzleichef Dov Weissglas und der palästinensische Innenminister Hani Al-Hassan die Kontakte fortgesetzt und sollen am heutigen Montag wieder zusammentreffen.

Israel soll angeboten haben, in ausgewählten Autonomiestädten die Sicherheitskooperation mit der Palästinensischen Behörde wieder aufzunehmen und sich graduell zurückzuziehen, sollten die Attacken der Palästinenser aufhören. Nach dieser Formel waren in den letzten zwei Jahren mehrere Versuche unternommen worden, einen Waffenstillstand herbeizuführen, aber durchwegs gescheitert.

"Die Palästinensische Führung hat beschlossen, auf allen Kommunikationskanälen weiter zu agieren", erklärte Autonomiechef Yassir Arafat und bestätigte damit indirekt, den neuen Anlauf genehmigt zu haben, aus israelischer Sicht handelt es sich aber um einen abermaligen Versuch, Arafat zu umgehen. Die USA und Europa seien sich darin einig, dass Arafat nur noch eine "symbolische Funktion" ausüben solle, sagte Weissglas, "nach dem Ende der US-Operation im Irak wird die Anstrengung hauptsächlich darauf ausgerichtet sein, dass Arafat nicht mehr regiert".

Taktisches Instrument

Manche Beobachter meinen indes, dass die Gespräche vorläufig nur ein taktisches Instrument sind - wenn Sharon sich flexibel zeigt, haben die USA in der arabischen Welt einen leichteren Stand, und der Arbeiterpartei fällt es schwerer, eine Regierungsbeteiligung zu verweigern.

Die Sozialdemokraten wollten nicht einmal darüber reden, aber Sharon will sie am Montag demonstrativ als Erste zu Koalitionsverhandlungen einladen, nachdem er gestern vom Staatspräsidenten formal den Auftrag zur Regierungsbildung bekommen hat. Als wahrscheinlichstes Ergebnis gilt eine schmale Koalition von Rechts- und Zentrumsparteien mit ein oder zwei religiösen Fraktionen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2003)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
Share if you care.