Das letzte Aufgebot marschiert in Tikrit

9. Februar 2003, 19:51
3 Postings

Wie jedes Jahr lässt die Baath-Partei im Geburtsort Saddam Husseins paradieren

Der kleine, dürre Mann mit dem hellen Haar hat jahrelange Erfahrung, stramm zu stehen, den rechten Arm diagonal in die Luft zu strecken und stundenlang Truppenparaden abzunehmen. Izaat Ibrahim steht auf der Tribüne des Paradeplatzes der Stadt Tikrit. Er ist Stellvertreter Saddam Husseins als Vorsitzender eines aus grauen totalitären Kaderzeiten entstammenden Gremiums, das sich "Revolutionärer Kommandorat" nennt. Saddam, der große Vorsitzende des Gremiums, ist wie immer dieser Tage abwesend.

Bedeutender als die Parade aber ist die Symbolik des Ortes. Tikrit, etwa 140 Kilometer nördlich von Bagdad gelegen, ist die Heimat Saddam Husseins. Ganz in der Nähe, in dem kleinen Dorf Awia, wurde der am 28. April 1937 geboren. In diesem Tikrit wohnen heute viele Angehörige seines Clans. Am Stadteingang hat sich der Herrscher einen seiner zahlreichen riesigen Paläste gebaut. Alljährlich findet in Tikrit mindestens eine Parade statt - jene am 8. Februar.

1963 war die heute regierende Baathpartei an diesem Tag am Sturz des Diktators Abdelkarim Kassem beteiligt. Die Baath wurde damals noch von der vollen Macht ausgeschlossen - dennoch feiert sie das Datum als "Revolution". Denn nach dem Putsch kam Saddam aus seinem Exil in Kairo nach Bagdad zurück.

Auch der 8. Februar 2003 war ein besonderes Datum. Jedermann spürte, dass das Regime, wenn auch unfreiwillig, den Abgesang auf sich selber inszenierte. In ein paar Wochen werden Tribüne, Palast und Standbilder des Herrschers wohl kaum noch unbeschädigt sein. Es ist Ziel der USA, in einer ersten Angriffswelle die Symbole der Schreckensherrschaft zu treffen.

Was Baath an diesem 8. Februar gegen den drohenden Untergang in Marsch setzte, war sein letztes Aufgebot. Die Scharen, die da zwei Stunden mit erbärmlichen Waffen vorbeidefilierten, glichen einem verlorenen Haufen, der bei der ersten Angriffswelle nach Hause laufen wird: die Frauen zum Teil in Stöckelschuhen, die Männer in Halbschuhen, in Sandalen und schlecht sitzenden Stiefeln. Wann immer der Elan der Marschierenden zu erlahmen drohte, versuchten Offiziere mit scharfen Befehlen neuen Enthusiasmus zu schaffen. Das Regime indes hatte es nicht einmal geschafft, die Zuschauertribünen ganz zu füllen.

Immerhin waren jene Ränge gut besetzt, auf die Izzat Ibrahim ständig zu schauen hatte. Hier saßen die von der Baathpartei mobilisierten Frauen - alle gehüllt in die Abaya, ein langes schwarzes Tuch, das den Körper von Kopf bis Fuß bedeckt. Gelegentlich brach die Frauentribüne in Entzückensschreie aus. Diese schrillen Laute klingen, als kämen sie aus einer Trillerpfeife. Oft hört man ähnliche Schreie von Klageweibern, die bei Beerdigungen ihrer Trauer Ausdruck geben. Allerdings ist diese Parallele dem Regime wohl entgangen. An dem insgesamt mutlosen Auftritt konnte auch der symbolträchtige Name der vorbeimarschierenden Einheit - "Al-Quds-Armee" - nichts ändern. Diese "Jersusalem-Armee" wurde landesweit organisiert, als sich im letzten Jahr die Kriegsdrohungen gegen den Irak verdichteten.

Die schätzungsweise 40.000 Männer und Frauen, die in Tikrit aufmarschierten, gehören zur regionalen Brigade "Salah Ed-Din". Auch dieser Name soll historisches Flair suggerieren und die Kampfkraft stärken. Denn dieser Saladin, wie ihn das Abendland seinerzeit nannte, befreite den Orient von einer anderen westlichen Bedrohung - den Kreuzrittern. Doch der edle Salah Ed-Din schonte Leben, wenn immer es ging. Saddams Herrschaft dagegen stützt sich auf ungezählte getötete Landsleute. - Ist Saddam Husseins Zeit abgelaufen? Ahnungsvoll hatte der Despot einst gesagt, er werde entweder von den Amerikanern oder von einem seiner Offiziere getötet. Der Volkssturm von Tikrit wird den Herrscher wohl kaum vor diesem Schicksal bewahren. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2003)

Heiko Flottau aus Tikrit
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.