"Wir müssen die Ursachen bekämpfen"

3. April 2008, 07:00
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Consuelo Abril, Vorsitzende der spanischen "Kommission zur Untersuchung von Misshandlungen" erklärt im dieStandard.at-Interview, warum Gesetze Frauen nicht genug Schutz bieten können

Seit knapp vier Jahren ist in Spanien das "Gesetz zum vollständigen Schutz vor Geschlechtergewalt" in Kraft. Die "Kommision zur Untersuchung von Misshandlungen" in Madrid war maßgeblich an seiner Ausarbeitung beteiligt. Die Frauenorganisation ist in Spanien eine der ältesten ihrer Art. Sie wurde mit dem Ende des Franco-Regimes 1975 gegründet und bietet misshandelten Frauen und ihren Kindern Schutzeinrichtungen, psychologische Betreuung und Rechtsberatung. Außerdem organisiert die Kommission Sensibilierungs- und Bildungskampagnen zum Thema Gewalt gegen Frauen. Consuelo Abril ist seit mehr als zehn Jahren Kommissions-Vorsitzende. Die 57-Jährige Anwältin spricht im dieStandard.at-Interview über die Gesetzesmängel, machistische Richter und warum sie nicht daran glaubt, dass sich die Situation in Spanien von der im Rest Europas unterscheidet.

dieStandard.at: Seit gut einem Jahrzehnt steigen die Opferzahlen häuslicher Gewalt in Spanien konstant.

Abril: Ja. Die Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen, nehmen immer entschlossenere Haltungen gegenüber ihren Partnern ein, die auch oft ihre Peiniger sind. Die wiederum reagieren darauf mit mehr Gewalt - für manche Frauen endet das tödlich.

dieStandard.at: Seit fast vier Jahren ist nun das Gesetz zum Schutz vor Geschlechtergewalt in Kraft. Wie können Sie sich erklären, dass die Zahl der weiblichen Todesopfer dennoch nicht sinkt?

Abril: Unsere Organisation hat bei der Ausarbeitung dieses Gesetzes mitgeholfen. Es ist ein ehrgeiziges und sehr umfassendes Gesetz. Es kann Frauen vor Gewaltanwendungen ihrer Partner und Expartner zwar schützen, die Ursachen kann es aber nicht bekämpfen. Wir müssen daher verstärkt im Bereich der Gewaltprävention arbeiten. Das dauert natürlich Jahre, bis solche Maßnahmen greifen.

dieStandard.at:: Was sind die wichtigsten Maßnahmen bei der Gewaltprävention?

Abril: Das wichtigste ist die Erziehung unserer Kinder. Dort müssen wir ansetzen. Auch Aufklärungskampagnen sind wichtig - sie müssen sich an die Aggressoren richten, und an die Gesellschaft, um ihr bewusst zu machen, dass misshandelte Frauen Hilfe brauchen.

dieStandard.at: Ist in der spanischen Gesellschaft ein Bewusstsein für diese Problematik vorhanden?

Abril: Das Bewusstsein ist da. Allerdings müssen wir es den Leuten einfacher machen, auf die Betroffenen zuzugehen. Wenn ich merke, meine Nachbarin wird misshandelt, muss mir klar sein, dass sie meine Hilfe braucht.

dieStandard.at: Das Gesetz zum Schutz der Frauen gegen Gewalt ist zwar neu, die Richter aber die alten.

Abril: Prozesse, die in Verbindung mit dem Gesetz stehen, werden nur von Personal geführt, das auf Geschlechtergewalt spezialisiert ist. Aber es gibt Beschwerden über Richter mit machistischen Standpunkten. Hier besteht Handlungsbedarf.

dieStandard.at: Was unterscheidet Spanien in punkto Gewalt gegen Frauen von anderen europäischen Ländern?

Abril: Das Gesetz gegen Geschlechtergewalt war ein großer Schritt nach vorne. Andere europäische Länder haben das nicht.

dieStandard.at: Sind spanische Männer gewalttätiger als andere?

Abril: Ich glaube nicht, dass sich unsere Situation von der in anderen europäischen Ländern unterscheidet. Hier in Spanien machen zahlreiche Statistiken Fälle von Gewaltanwendungen sichtbar. In anderen Ländern werden Sie keine so genauen Statistiken finden - das erweckt den Anschein, es passiere weniger Gewalt.

dieStandard.at: Was erwarten Sie sich von einer neuen Regierung?

Abril: In erster Linie benötigen wir ein größeres Budget, um mehr Schutzmaßnahmen für Frauen durchsetzen zu können. Das ist unser dringlichstes Problem. (Nicole Bojar, dieStandard.at, 3.4.2008)

 

  • Das Logo der "comisión para la investigación de
malos tratos a mujeres".
    Das Logo der "comisión para la investigación de malos tratos a mujeres".
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