Behinderten droht Auftragsverlust

9. Februar 2003, 20:13
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Die Steuer-Förderung für Aufträge an Werkstätten für behinderte Menschen wurde gestrichen - Baumax-Chef Martin Essl schlägt Alarm

Seit Jahresbeginn gibt es keine steuerliche Förderung für Aufträge an Werkstätten für behinderte Menschen mehr. Die Folgen sind der Verlust an Aufträgen und als Konsequenz höhere Sozialaufwendungen für den Staat, warnt Baumax-Chef Martin Essl.

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Wien - Unternehmen, die Aufträge an Betriebe mit behinderten Arbeitnehmern vergeben, haben seit Jahresbeginn kein Anrecht mehr auf eine steuerfreie Prämie. Diese Streichung wird vom Sozialministerium damit begründet, dass die Abwicklung dieser finanziellen Zuwendung zu aufwändig sei. Nachdem die Betriebe nun nicht mehr wie bisher 15 Prozent der Auftragssumme von den Sozialämtern zurückbekommen, fürchten integrative Betriebe, Behindertenwerkstätten und Hilfsorganisationen in ganz Österreich um Aufträge.

Vor allem bei Branchen, in denen der allgemeine Preisdruck besonders groß ist, etwa im Textilbereich, "könnten in einzelnen Bundesländern konkret bis zu einem Drittel der bisherigen Bestellungen wegbrechen", heißt es dazu bei der Caritas auf Anfrage des Standard. Man hofft jetzt, dass die eingesparten Prämiengelder zumindest in Form von Förderungen an die Behinderteninstitutionen fließen werden.

Für widersinnig hält jedenfalls auch Martin Essl, Vorstandsvorsitzender der Baumax AG, das Vorgehen der Regierung. "Mit dieser Maßnahme wird den Behinderten in Österreich die Grundlage entzogen, selbst gewerblich aktiv zu sein und damit einen Teil ihrer Aufwendungen selbst zu bestreiten."

"Falsches Zeichen"

"Die Konsequenzen daraus sind erhöhte Förderungsnotwendigkeiten, die wiederum der Staat zu übernehmen hätte", heißt es dazu in einem Brief des Unternehmers an die Regierung. Gerade 2003, im "EU-Jahr der Menschen mit Behinderungen", hält Essl so einen Schritt "für ein falsches politisches Zeichen." Der Firmenchef weiß, wovon er spricht. Alle 73 Baumax-Märkte haben nämlich Patenschaften für Behindertenheime übernommen und würden "somit die Probleme dieser Einrichtungen genau kennen", heißt es weiter.

In den Hilfsorganisationen sorgt man sich nun jedenfalls, dass nicht nur Aufträge ausbleiben, sondern im Zuge verringerter Einnahmen auch die Qualität der Betreuung behinderter Menschen abnehmen und deren Arbeitsplätze wackeln könnten. Und diese sind in Österreich sowieso nicht gerade dicht gesät. Viele Firmen, die gesetzlich verpflichtet wären, ab 25 Beschäftigten mindestens eine behinderte Person einzustellen, drücken sich davor.

Von den österreichweit 84.869 Pflichtstellen sind nur knapp über 50.000 entsprechend besetzt. Vom Rest kaufen sich Firmen und die öffentliche Hand mit einer monatlichen Taxe in Höhe von rund 200 € los. Als Begründung dafür wird angeführt, dass die Beschäftigung behinderter Menschen zu teuer komme und diese nur schwer zu kündigen seien. Ende 2002 waren 1204 gehandicapte Menschen und damit 15,1 Prozent mehr als Ende 2001 arbeitslos. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 10.2.2003)

Von Monika Bachhofer
  • Ist da jemand? Vonseiten des Sozialministeriums offenbar kaum jemand.
    foto: der standard/orf

    Ist da jemand? Vonseiten des Sozialministeriums offenbar kaum jemand.

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    Baumax-Chef Martin Essl warnt davor, dass durch die Streichung einer Steuerprämie für Aufträge an Behinderten-Werkstätten Aufträge verloren gehen - und als Folge der Staat höhere Förderungen zahlen muss.

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