Deutschland und Niederlande übernehmen ISAF-Führung in Afghanistan

9. Februar 2003, 14:50
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Struck bei Kommando-Übergabe in Kabul - Sicherheitslage gilt als äußerst angespannt

Berlin/Kabul - Deutschland und die Niederlande übernehmen an diesem Montag für sechs Monate die Führung der internationalen Schutztruppe in Afghanistan (ISAF). Deshalb reiste der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) am Sonntag Richtung Kabul ab, um dort mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai an der Kommandoübergabe teilzunehmen. Nach den Plänen Deutschlands und der USA soll im Herbst die NATO die Führung übernehmen. Derzeit ist die Türkei ISAF-Führungsnation. Am Mittwoch will der Auswärtige Ausschuss des deutschen Bundestags über die Sicherheitslage in Afghanistan beraten. Die Bundeswehr ist seit gut einem Jahr in dem Land.

Der Einsatz in Afghanistan ist der gefährlichste in der Geschichte der deutschen Bundeswehr. Vergangenes Wochenende schlugen erneut Raketen in der Nähe des deutschen Camps ein. Mitte Dezember hatte sich vor dem Lager ein Attentäter mit einer Handgranate in die Luft gesprengt. Kurz darauf waren beim Absturz eines Hubschraubers nahe Kabul sieben Bundeswehrsoldaten gestorben. Bei der unsachgemäßen Entschärfung einer Rakete wurden vor knapp einem Jahr zwei deutsche und drei dänische Soldaten getötet.

Sicherheitslage angespannt

Die Sicherheitslage in Afghanistan gilt als äußerst angespannt. Zum Schutz der deutschen Soldaten in Afghanistan will Struck "Luna"-Luftaufklärer vom Kosovo nach Kabul verlegen. "In Afghanistan wird das System dringender benötigt als auf dem Balkan", sagte ein Ministeriumssprecher. Struck sagte der Zeitung "Welt am Sonntag": "Die dortige Gefährdungslage ist unvermindert hoch." Es werde alles Menschenmögliche zum Schutz der Soldaten getan. Dazu sollten die unbemannten Beobachtungsdrohnen beitragen.

Zudem versicherte Struck, dass die deutschen Soldaten auch im Fall eines Irak-Kriegs in Afghanistan blieben: "Der Einsatz steht politisch und militärisch nicht im Zusammenhang mit der Irak-Problematik. Deshalb gibt es keine Erwägungen, das Bundeswehrkontingent abzuziehen."

Letzte Widerstände überwinden

Im Anschluss an die deutsch-niederländische Führung des ISAF-Einsatzes soll nach dem Wunsch der deutschen Regierung die NATO den Oberbefehl übernehmen. Einen wichtigen Etappensieg auf dem Weg zu diesem Ziel erreichte Struck am Samstag bei seinem Vier-Augen-Gespräch mit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Rumsfeld unterstütze den deutschen Vorstoß, sagte Struck. Jetzt werde noch mit anderen EU-Staaten gesprochen, um letzte Widerstände zu überwinden. Insbesondere Frankreich soll noch Vorbehalte haben.

Struck wollte von der Sicherheitskonferenz in München zunächst nach Usbekistan reisen. Am Montag fliegt er weiter nach Kabul. Am Tag darauf wird der Minister wieder in Deutschland erwartet. An der Kommandoübergabe wird auch Strucks niederländischer Amtskollege Henk Kamp teilnehmen. Vize-Regierungssprecher Hans-Hermann Langguth sagte, mit der Kommandoübernahme trage die Bundesrepublik ihrer Schlüsselrolle beim Wiederaufbau Afghanistans Rechnung. Deutschland sei schon heute mit insgesamt 9.000 Soldaten der zweitgrößte Truppensteller bei internationalen Einsätzen.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums gehören zu einem "Luna"-System 12 Fluggeräte und 18 Fahrzeuge. Mit dem System werden demnach rund 40 Soldaten nach Kabul fliegen. Ein "Luna"-Segler kann vier Stunden lang fast lautlos in der Luft bleiben und Bilder aus bis zu 80 Kilometern Entfernung übertragen. Er soll Bodenobjekte wie Konvois entdecken und identifizieren. (APA)

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    Afghanische Solaten, trainiert von französischen Truppen der ISAF (International Security Assistance Force).

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