Der Tod als Freudenfest

20. Juli 2005, 10:42
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In Cholon, dem alten Chinesenviertel der chaotischen südvietnamesischen Metropole Saigon, feiert man Begräbnisse als hemmungslosen Zusammenprall der Kulturen. Ein Augenzeugenbericht.

Schlag sechs Uhr morgens also bricht in einer Geschäftsstraße des Stadtteils Cholon nicht nur bezüglich des infernalischen Verkehrslärms die Hölle los. Im alten Chinesenviertel der südvietnamesischen Sechsmillionenmetropole gehen auch die Trauerfeierlichkeiten eines hochangesehenen Geschäftsmannes in ihre entscheidende Phase.

Eine gute Woche lang hat eine mit Unterhaltungselektronik handelnde Familie ihr Geschäft zugesperrt gehabt und den Verkaufsraum zur Aufbahrungshalle gemacht. Neben dem Sarg wurde rund um die Uhr gegessen, getrunken, getrauert. Ungewöhnlich? Ja und nein.

Die chinesische Minderheit lebt an und für sich nach den strengen, entsagungsreichen Lehren von Konfuzius. "An und für sich" und "offiziell" allerdings sind in Vietnam zwei Begriffe, die eher großzügig gehandhabt werden.

Hier pflegt man auch wegen des Gemischs aus über 80 ethnischen Gruppen einen pragmatischen Umgang mit dem Glauben. Neben der konfuzianischen Lehre kann zusätzlich die Verehrung von Natur- und Fruchtbarkeitsgottheiten wie der Ahnen, für die hier im Lokal allesamt Schreine errichtet wurden, nichts schaden. Tieropfer sind ebenfalls kein Problem. Im Mekong-Delta verehrt eine Volksgruppe von zwei Millionen Menschen obendrein Winston Churchill und die Jungfrau von Orleans. Ja, doch. Je mehr Heilige, desto mehr potentielle Hilfe. Religiöse Riten am Morgen und eine KP-Parteiversammlung am Nachmittag lassen sich so problemlos mit einer Flasche Coca Cola im Cafe nebenan verbinden.

Jetzt aber, bevor der Leichnam mit einem Lastwagen zum Krematorium gefahren wird, ist endlich die Blasmusikkapelle des Bestattungsunternehmers Sau Ngoc, im übrigen KP-Bezirkskulturbeauftragter, mit ihren weißen Admiralskappen aufmarschiert und läßt kulturelle Welten kollidieren. Immerhin haben die Musiker eine Vorliebe für "dekadente", bis vor kurzem aus ideologischen Gründen verbotene, westliche Popmusik.

Proud Mary, ein alter Hadern des (einstigen) amerikanischen Erzfeindes, wird durch den Free-Jazz-Fleischwolf gedreht. Das getragene, einst von den französischen Kolonialherren vorgegebene Trauermarschtempo wird in wahnwitzige Raserei getrieben. Um spätestens neun Uhr muß schließlich alles über die Bühne gegangen sein. Der zweite Tagesjob als Handwerker, Taxifahrer oder Marktstandverkäufer wartet.

Hang zur Egozentrik

Die Musiker halten sich zwar an rudimentäre musikalische Vorgaben. Sie müssen aber von Herrn Ngoc mittels knapper Anweisungen immer wieder daran gehindert werden, egoistisch auseinanderzustieben. Als Asiate muß der Vietnamese schließlich dem Klischee vom bedürfnislosen Gemeinschaftswesen entsprechen - solange sich das mit dem unbezähmbaren Drang zur Egozentrik unter einen Hut bringen läßt.

Vor dem Sarg präsentiert ein Zeremonienmeister jetzt akrobatische Künststücke und Tanzeinlagen. Als Höhepunkt balanciert der bullige Mann auf seiner Stirn ein Damenfahrrad, auf das ein kleines Mädchen gesetzt wird. Alle lachen und freuen sich, als der Mann stolpert. Schadenfreude steht hoch im Kurs. Dann geht der Klingelbeutel um. Weiße Langnasen mögen nach Möglichkeit Dollars spendieren.

Vietnam zählt noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt. Der Krieg hat untilgbare und den Besucher immer wieder neu erschütternde Spuren an Häusern, Landschaft und Menschen hinterlassen. Hier wird mit allen Mitteln ums Überleben gekämpft. Auch wenn man Trauermusik spielt, werden die Ellbogen eingesetzt. Bloß keine Sentimentalitäten aufkommen lassen. Wer mit dieser Situation nicht zurecht kommt, wird sich in Vietnam nicht wohl fühlen.

Die Langnasen aus Übersee jedenfalls strömen derzeit wieder ins Land. Diesmal aber nicht als Invasoren. Heute kommen gerade auch die Amerikaner als Touristen auf einer Reise in die eigene dunkle Vergangenheit - oder als Geschäftsleute.

Zumindest im Süden war man trotz der kommunistischen Machtübernahme aus 1975 immer stark westlich ausgerichtet. Allein der Gebrauch des alten Namens Saigon veranschaulicht dies.

Privatwirtschaft

Eigentlich nämlich heißt Saigon seit dem Kriegsende Ho-Chi-minh-Stadt. Inklusive jener zahllosen KP-Funktionäre, die seit der wirtschaftlichen Öffnung vor drei, vier Jahren in der Freizeit in Klein-und Mittelbetrieben kapitalistische Privatwirtschaft betreiben, ist das hier jedem Bewohner aber ziemlich sehr egal. Ho-Chi-minh-Stadt, ein ungeliebter Name, ausgegeben vom ungeliebten Regime im nördlichen Hanoi.

Im Saigoner Stadtteil Cholon, der sich in den 70er Jahren drastisch leerte, weil gerade die chinesisch-stämmigen Bewohner als traditionell Kleinhandelstreibende vor dem Kommunismus aus dem Land flüchteten und als Boat People zu trauriger Berühmtheit gelangten, prosperiert jedenfalls im Gegensatz zum Norden wieder das Geschäftsleben. Zehntausende Flüchtlinge sind mit Devisen in die alte Heimat zurückgekommen und liefern sich mit der durch Korruption aufgeweichten Bürokratie Stellungskriege. Privatbetriebe mit bis zu 1500 Beschäftigten sind seit einiger Zeit erlaubt. (Der Standard, Printausgabe)

Von Christian Schachinger
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    Der Stadtteil Cholon

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