Auf der Suche nach Maigrets Paris

8. Februar 2003, 14:27
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Am 13. Februar würde Krimiautor Georges Simenon hundert Jahre alt. Fast so lang geht in Paris Kommissar Maigret um. Wir heften uns einen Tag lang an seine Fersen

Das Morgengrauen hat in Paris noch nicht eingesetzt, und das Hausboot erreicht gerade eine weitere Schleuse des Kanals Saint-Martin, als der Kapitän etwas Helles im Wasser ausmacht. Ein menschlicher Arm. In der Bar daneben geht eben erst das Licht an; der Bootsmotor stößt Dieselschwaden aus, während sich das Tor der Schleuse "Récollets" öffnet. Nun spült die Schiffsschraube einen menschlichen Rumpf an die Oberfläche.

So beginnt das Buch Maigret und die kopflose Leiche (1955). Nur ein paar Straßenzüge weiter, am Boulevard Richard-Lenoir, schläft der Kommissar an jenem Märzmorgen den Schlaf des Gerechten, während seine Gattin, "schon frisch und nach Seife riechend", das Frühstück bereitet. Als das Telefon klingelt, lässt sich Jules Maigret nicht aus der Ruhe bringen. "Man fischt regelmäßig Leichen aus dem Kanal Saint-Martin", weiß er.

Nach dem Morgenkaffee macht sich Maigret dann aber doch auf, um sich im 10. Arrondissement der französischen Hauptstadt umzuhören. Wir heften uns an seine Fersen und finden im schwarzen Wasser unterhalb der Schleuse diverse Indizien: Blätter des vergangenen Herbstes, einen weißen Plastiksack, McDonald's-Becher und einen (leeren) Motorradhelm. Das ist zugegeben wenig, und zudem nähert sich der städtische Schleppkahn "Robert", um genau diese Abfälle einzusammeln. Während er auf die Einfahrt in die Schleuse wartet, vernehmen wir die beiden Kehrichtfischer ein. "Ja, es kommt vor, dass im Kanal Tote gefunden werden", meint der eine, in modischen Rastazöpfchen. "Letztes Jahr war es nur ein Einziger, aber mit einigen Messerstichen in der Brust."

Jetzt gesellt sich der Schleusenwärter dazu, ein vifes Männlein in Gendarmeuniform: "Wenn Sie mehr Blutverbrechen suchen, müssen Sie dem Kanal nach Norden folgen, wo er die gefährlichen Vorstädte durchquert. Hier ist es ruhig geworden. Die Arbeiter, die Zigarettenschmuggler, die leichten Mädchen, die Cabarets, wo die Piaf auftrat - all das gehört der Vergangenheit an; heute breitet sich bloß noch die Schickeria im Quartier aus", bedauert der Wärter und setzt zu einem längeren Exposé über den Lauf der Zeit an. Zum Glück ist bald die Schleuse voll, und die Kehrichtfischer wollen weiter.

Wir überprüfen die Behauptung des Gendarmen auf ihren Wahrheitsgehalt und treten in das Bistrot Le petit pont am unteren Schleusenende ein. Von Yuppies und Touristen wimmelt es allerdings nicht gerade; an der Bar trinkt eine eher zwielichtige Gestalt mit Sonnenbrille ein Frühstücksbier und streitet mit der blutjungen Kellnerin, deren Nachtklubstimme um einiges älter klingt. Streitpunkt ist, ob ihr gemeinsamer Freund Ahmed etwas Verwerfliches oder gar ein Delikt begangen habe, als er bei einem Copain die Wohnungstür eindrückte, das Geld in der Schublade aber nicht anrührte.

Wir hören so unbeteiligt zu wie Maigret und machen uns dann auf zum Quai des Orfèvres, dem legendären Sitz der Pariser Kriminalpolizei. Seltsam: Weder am Anfang noch am Ende des Straßenzugs entlang der Seine-Insel bezeichnet eine blaue Tafel den Straßennamen. Die Bouquinisten haben ihre Bücherkisten nur auf der anderen Flussseite aufgereiht, und die paar Touristen, die sich von der Kathedrale Notre-Dame zum Pont Neuf über den Quai des Orfèvres verirren, ahnen kaum, dass hier einst die Autorität Maigret wirkte.

Noch besser versteckt vor den Stadtunkundigen ist das Juwel der Ile de la Cité, der Platz Dauphine hinter dem Quai, wo der Kommissar (in der Brasserie) sein eigentliches Hauptquartier hatte. Heute sucht man vergeblich nach diesem Ort. Aus Maigrets Zeiten stammt nur noch die Taverne "Henri IV", wo eine Kreidetafel Landweine feilhält und verspricht: "Hier werden Sie weder übers Ohr gehauen noch enttäuscht." Reisender, stehst du dort am Zinktresen und siehst einen stattlichen Herrn mit Filzhut und Pfeife eintreten, dann weißt du: In der Umgebung muss ein Mord erfolgt sein oder sich zumindest anbahnen . . .

Aber vielleicht freut sich unser Kommissar auch nur insgeheim bei einem Bier, weil er die Mutter und die Gattin des Tatverdächtigen zusammen in seinem Büro am Quai zurückgelassen hat, wohl wissend, dass die eine Komplizin ist und die andere - aber welche? - das weiß. Wie das ausgeht, ist nachzulesen in Maigret stellt eine Falle. Der mögliche Mörder, ein nicht ganz koscherer Innenarchitekt namens Marcel Morin, wird von Maigret zu Hause am noblen Boulevard Saint-Germain "228 bis" aufgestöbert. Auch unser Ziel. Doch wir finden keine solche Adresse. Im Luxusschuhgeschäft der Boulevard-Nummer 226 erkundigt sich die Verkäuferin auf unsere verschwörerische Frage hin freundlich, ob wir vielleicht den Geheimdienst DST suchten - der befinde sich gleich um die Ecke. Wir lassen uns aber nicht in die Karten blicken und fragen vielmehr einen Herrn, der gerade in das Gebäude daneben eintritt. Der meint aber nur von oben herab, wie es denn "228 bis" geben solle, wenn nicht einmal die Nummer 228 existiere, und schlägt dem Detektiv das Hausportal vor der Spürnase zu.

Also begeben wir uns gleich nach Montmartre, an den Ort (genauer gesagt die Orte) des Verbrechens, wo der feine Monsieur Morin reihenweise Anwohnerinnen einfacher Herkunft erdrosselt haben soll. Nicht weit vom Platz Clichy, wo Maigret noch heute eine Billard-Akademie (mit diskreten Roulettetischen im Hinterzimmer), das alte Café Wepler oder die hauswandgroße Reklame des Pathé-Kinos vorfinden würde, suchen wir den ersten Tatort auf. An der kleinen Avenue Rachel stoßen wir zwar auf keinen Mörder, aber auf jede Menge Tote und potenzielle Opfer: Nach den "Pompes Funèbres" (einem Beerdigungsgeschäft) entdecken wir den von einer Autobrücke überspannten Eingang zum Friedhof Montmartre, wo junge Quartierbewohnerinnen ihre Kinderwagen an den Grabsteinen vorbei spazieren führen. Am Eingangsschild in der Avenue Rachel lesen wir, dass hier ein Friedhofsvorsteher vor vielen Jahrzehnten eine Selbstschussanlage ausgetüftelt habe, um nächtliche Grabplünderer abzuschrecken, bis er von der Maschine selbst durch einen "Schuss mitten in die Brust" gerichtet worden sei.

Wir aber haben noch einen langen Weg vor uns und schreiten die Tatorte auf dem Montmartre-Hügel ab, dort eben, wo Maigret dem Killer besagte Falle in Form verkleideter Polizistinnen stellte: Rue Etex, Rue Durantin, und vor allem Rue Lepic, zuoberst auf dem Montmartre-Hügel. Dort geraten wir aber nur in die Touristenmassen, die zum Sacré-Coeur, dem Moulin-Rouge oder zum Café aus dem jüngsten Kinohit "Amélie Poulain" strömen. Nichts für Einzelgänger aus einer anderen Epoche. Maigret trank lieber einen Apéro in der Brasserie Pigalle, am breiten Boulevard mit den frivolen Etablissements. Heute sind da nur noch Sexshops und Stripläden; die Brasserie heißt seit bald zehn Jahren "Chào-Bà" und ist zu einem trendigen Orientcafé verkommen, wo einzig die keifende Toilettendame an die guten alten Zeiten erinnert.

Existiert denn das "wahre" Montmartre nicht mehr? Doch, wenn man Maigret folgt und gleich unterhalb von Pigalle in die Rue Fontaine einschwenkt. Diese kommt in mehreren seiner Ermittlungen vor. In Maigret hat Geduld ist es 19 Uhr, und der Kommissar geht, auf der Suche nach Dickarm-Joe, dem Türsteher des "Goldenen Nagels", "langsam die Straße hoch, in der sich die einfachen Leute des Tages mit den sehr verschiedenen Silhouetten des Nachtvolkes zu vermischen begannen". Im Januar 2003 erkennen wir in dieser Straße das Variété-Kleintheater "Carrousel de Paris", ein Internetcafé voller verschleierter Algerierinnen sowie eine altmodische Bäckerei; auf einen Laden für "Show-Schuhe" folgt ein Esoterikshop mit gerade herausgeschlagenem Schaufenster, und gegenüber des Blumenladens Samantha leuchtet die Nachtbar "Mayfair", wo eine dunkle Blondine mit ihrem Siegelring zwecks Kundenfang an die Fenster klopft.

Der Kommissar hingegen betritt in Maigret und Pietr der Lette die Pickwick-Bar der Rue Fontaine für eine Ermittlung am Objekt; beim Verlassen um Mitternacht wird er gar von einem Heckenschützen angeschossen, was den soliden Polizisten aber nicht über Gebühr beeindruckt. Wir genehmigen uns lieber ein letztes Glas im Bistro "La Joconde". Zwei Typen hängen bereits an der Bar; ein vergammelter Dritter kommt herein und fragt, ob ein "Mädchen" namens Véronique gesehen worden sei. Ob sie blond oder braun sei? "Weder noch, rothaarig", kommt die Antwort. Mann schaut sich viel sagend an. Nach einer Weile platzt eine fröhliche junge Frau herein. Mit roten Haaren. "Das ist ja Véronique, unsere beste Freundin im Quartier!", rufen die zwei an der Bar und der Kellner im Chor aus. "Ganz vergessen, dass du rote Haare hast!"

Die Freude ist allgemein, der Wirt spendiert eine Runde, und beim Nachhausegehen schaut sich niemand auch nur im Geringsten nach gefährlichen Heckenschützen um. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.2.2003)

Simenon für Fans

Der Zürcher Diogenes Verlag hat seit 1995 eine Neuedition von Werken Simenons gestartet. Derzeit sind 26 Maigret-Krimis und 31 Non-Maigret-Romane lieferbar, ebenso der Briefwechsel mit André Gide und Federico Fellini. Simenons Geburtsstadt Liège feiert den Autor mit Veranstaltungen, die über das ganze Jahr verteilt sind, etwa einer großen Ausstellung zu Leben und Werk, die bis Ende 2003 geöffnet sein wird. Ebenfalls in Liège findet die Uraufführung eines Musicals statt, das die Liebesgeschichte zwischen Simenon und Joséphine Baker zum Inhalt hat, und das Tourismusbüro von Liège organisiert Simenon-Spaziergänge.

Was sonst noch zum Jubiläum läuft, findet man unter ftpl.be/simenon. Wer allerdings mehr an literaturwissenschaftlichen Fakten interessiert ist, kann auf der entsprechenden Website der Universität Liège Biografie, Filmografie - es existieren schließlich rund 60 Kinoverfilmungen von verschiedenen Simenon-Romanen, von den Fernsehproduktionen ganz zu schweigen - sowie Sekundärliteratur und Links zu anderen Websites finden: ulg.ac.be/libnet/simenon/

Von Stefan Brändle
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    In seiner Fantasie saß der Kommissar Maigret nur selten am Schreibtisch, häufiger an der Theke eines Bistros.

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    Georges Simenon selber allerdings musste sich für sein umfangreiches Werl ziemlich disziplinieren.

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