Traumfahrt von Walchhofer zum Titel

8. Februar 2003, 16:33
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Der Österreicher ließ sämtliche Favoriten hinter sich und holte sich Gold in der Abfahrt - Silber für Aamodt, Bronze an Kernen - Eberharter Fünfter, Maier Achter

St. Moritz - Michael Walchhofer hat am Samstag in St. Moritz überlegen die Königs-Disziplin gewonnen und sich damit überraschend zum Abfahrts-Weltmeister gekrönt. Der Salzburger, der noch nie eine Weltcup-Abfahrt gewonnen hat, deklassierte ein Klassefeld und verwies vor fast 40.000 Zuschauern den Norweger Kjetil-Andre Aaamodt um 0,51 Sekunden auf Platz zwei, Bruno Kernen holte fast eine Sekunde dahinter die erste Medaille für die Schweiz. Aamodt ist mit zwölf WM-Medaillen nun alleiniger Rekordhalter.

Medaillen-Kandidat

Stephan Eberharter, Hermann Maier, Fritz Strobl. Allen hätte man im ÖSV zugetraut, die dritte Goldmedaille für Österreich bei den 37. Weltmeisterschaften zu holen. Walchhofer war nach vier zweiten Plätzen im laufenden Weltcup auch Medaillen-Kandidat, aber der baumlange Super-Gleiter aus Zauchensee, der sich in nur zwei Jahren vom Slalom-Spezialisten zum technisch perfekten Abfahrer entwickelt hat und vor zwei Wochen in Kitzbühel als Hahnenkamm-Sieger in der Kombi seinen ersten Weltcupsieg gefeiert hatte, düpierte an diesem Tag alle.

Das Pech hat einen Namen: Max Rauffer

Sensationell fuhr Walchhofer vor allem den Schlussabschnitt, in dem der 27-Jährige dem Feld noch einmal um fast eine halbe Sekunde enteilte. Dem zu diesem Zeitpunkt führenden Kernen nahm er fast eine Sekunde ab, nur der unverwüstliche Aamodt kam danach noch halbwegs an Walchhofers Zeit heran. Hermann Maier lag wie schon zuvor Stephan Eberharter bereits deutlich zurück. Die Schrecksekunde, als Max Rauffer mit Startnummer 39 bei der zweiten Zwischenzeit nur 7/100 zurück lag, dauerte nicht lange. Der Deutsche stürzte.

Hundertstel-Krimi

Fast eine Sekunde lag am Ende zwischen den ersten drei, dafür staute sich dahinter ein Klassefeld im Hundertstel-Bereich. Nur 27/100 hinter Bronze belegte Olympiasieger Fritz Strobl ("Der Walchi hat es sich wirklich verdient, für mich geht das Leben trotzdem weiter") Platz zehn. Top-Favorit Eberharter beging im Mittelteil einen groben Fahrfehler ("Bodenhaftung verloren, aber den Walchhofer hätte heute sowieso keiner geschlagen"), als Fünften fehlten ihm gerade 17/100 auf Bronze, Hermann Maier als Achtem 25/100.

Maier ohne "Gspür"

Maier, dessen Nominierung für so viel Aufregung gesorgt hatte, war trotzdem mit sich zufrieden. "Beim Gleiten habe ich noch große Probleme, weil ich im Fuß nichts spüre. Aber ich bin nicht weit weg vom Dritten, es ist eh sensationell was bei mir in wenigen Wochen weiter gegangen ist." Er lobte dann vor allem Walchhofer, zu dem er nicht nur ein räumliches Naheverhältnis hat. "Ich habe schon vor der Saison gesagt, passt's auf diesen Burschen auf, der wird was gewinnen", so Maier. Nur (Ex-) Weltmeister Hannes Trinkl fiel wie befürchtet wegen seiner Materialprobleme deutlich ab und wurde nur 31.

Wer einen überraschten Sieger erwartet hätte, wurde freilich enttäuscht. "Ich habe mir schon bei der Besichtigung vorgestellt wie es wäre, als Erster durch das Ziel zu fahren. So gesehen ist es nicht ganz neu", überraschte der 1,92 große 97 kg-Mann im Ziel.

Parallelen

"Es war eine wirklich gute Fahrt", meinte der Hotelier aus Altenmarkt-Zauchensee, der als Markenkollege von Maier mit Edi Unterberger den gleichen Servicemann und mit Andreas Evers den gleichen Trainer wie der Herminator hat. "Er hat perfekt gewachselt. Schon beim letzten Sprung habe ich gedacht, dass ich schnell bin und dass es sich vielleicht für den Titel ausgeht." Glücksstrahlend war auch Abfahrts-Coach Robert Trenkwalder, der mit seiner Speed-Truppe seit seinem Dienstantritt 1998 alle Abfahrts-Titel geholt hat.

In Medaillenwertung top

Walchhofer hat damit im vierten WM-Bewerb nach den Super G-Titeln von Eberharter und Michaela Dorfmeister das dritte Gold für Österreich geholt und Austria damit in der Medaillen-Wertung wieder an die Spitze gebracht. Das ÖSV-Team liegt damit schon jetzt gleichauf mit St. Anton, denn mehr als drei Goldene hat es dort nicht gegeben. In den vier Bewerben von St. Moritz ist Österreich bisher nur in der Kombination der Herren ohne Edelmetall geblieben. (APA)

Ergebnis

Abfahrt der Herren

Ansichtssache

Eine Sensation, die eigentlich keine ist

Stimmen

Weltmeister Michael Walchhofer: "Im Ziel hab ich mir gedacht, das war eine gute Fahrt. Vielleicht bin ich unterwegs zum Weltmeister und so war´s dann. Ich habe gewusst, dass ich ganz vorn dazu gehöre. Gold ist natürlich eine tolle Sache. Ich habe mir schon bei der Besichtigung vorgestellt, dass ich als Erster durchs Ziel fahre. Die Trainer haben schon gewusst, dass mit mir zu rechnen ist. Meine Ski waren perfekt gewachselt, da hat alles gestimmt."

Stephan Eberharter: "Walchhofer hat die entscheidenden Passagen super erwischt, heute hätte ihn keiner geschlagen. Es war ein faires Rennen und ein würdiger Weltmeister. Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen.

Hermann Maier: "Ich bin schon zufrieden. Vom dritten Rang weg sind die Abstände sehr, sehr knapp. Es war ein Supergefühl hier herunter zu fahren. Die Sprünge sind aber schon sehr weit heruntergegangen und das war schon eine Belastungsprobe für meinen rechten Fuß. Meine Fahrt war zwar sicher noch nicht optimal, aber man muss zufrieden sein, was in der kurzen Zeit alles weiter gegangen ist.

Kjetil-Andre Aamodt (Silber): "Ich bin überrascht und sehr glücklich. Ich habe gewusst, dass Maier und Kjus noch hinter mir starten und gedacht, ich würde noch zurück fallen. Gut, dass es geklappt hat.

Bruno Kernen: "Die erste Medaille für die Schweiz ist natürlich großartig. Ich bin zufrieden mit dem dritten Platz, ich kann damit sehr gut leben. Walchhofer ist sicher verdient Weltmeister, er hat eine super Saison gemacht.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel: "Wir sind schon erleichtert nach diesen vielen Diskussionen. Walchhofer war sicher einer, mit dem viele gerechnet haben. Ich hätte ihn allerdings nicht auf den ersten Platz gesetzt. Die Trainer haben eine gute Aufstellung gemacht."

Abfahrts-Trainer Robert Trenkwalder: "Walchhofer ist als Gleitgenie zu uns gekommen und hat sich seit einem Jahr sensationell zu einem Weltklasseläufer entwickelt. Der Druck war sehr groß, doch man kann sich auf unsere Leute verlassen."

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    Für Michael Walchhofer kam der Abfahrts-Weltmeistertitel nicht überraschend. Schon vor dem Start stellte er sich vor, mit Bestzeit ins Ziel zu kommen.

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