Tony Blairs "Geheimdienst-Dossier" aus Studentenfeder

8. Februar 2003, 12:30
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Mehr als die Hälfte des 19-Seiten-Dossiers soll von kalifornischen Studenten abgeschrieben sein

Frankfurt/Main - "Peinlicher hätte es für Tony Blair kaum kommen können. Sein 'Geheimdienst-Dossier' zur Aufdeckung irakischer Täuschungsmanöver stammte also weniger aus Geheimdienstquellen als aus der Feder eines US-Studenten, der die Lage im Irak einmal mit Hilfe angegilbter Unterlagen zu rekonstruieren suchte.

Wo der akademische Bericht zu zimperlich war, half London mit drastischeren Formulierungen nach, aber ansonsten übernahm man schlicht die Uni-Arbeit bis hin zu falsch gesetzten Satzzeichen des Originaltextes", schreibt die "Frankfurter Rundschau".

"Mit welchen Methoden wirft sich London in die Propaganda-Schlacht gegen Saddam Hussein?", fragt die Zeitung.

US-Außenminister Colin Powell habe vor dem UNO-Sicherheitsrat in New York eigens auf das "feine Dokument" der Briten hingewiesen, "das in exquisitem Detail irakische Täuschungsmanöver beschreibt". "

Munition

Wie dringlich brauchte Blair Munition, dass er sich dieses Dossiers bediente - eines Dossiers, das nichts Neues enthüllte, nur Washington einen weiteren Referenzpunkt bot? Vor allem: Wie viel verlässliche Informationen hat London über den Irak? Seit ein paar Wochen schon sind britische Geheimdienstler unglücklich darüber, wie 'selektiv' Blair mit ihrem Wissen umgeht. Den Eindruck, dass kräftig manipuliert wird, kann der jüngste Vorfall nur verstärken."

"Mehr als die Hälfte des 19-Seiten-Dossiers ist abgeschrieben aus einem Papier des kalifornischen Studenten Ibrahim al Marashi von der Universität in Monterey sowie aus Zeitschriften-Artikeln der Militärforscher Sean Boyne und Ken Gause in 'Jane's Intelligence Review'.

Orthografische Fehler

Bei der Kopie des Al-Marashi-Textes hatten die Dossier-Autoren sogar orthografische Fehler übernommen, an manchen Stellen aber vorsichtige Wertungen durch kraftvollere ersetzt und etwa 'Oppositionsgruppen' in 'Terrorgruppen' umbenannt. Die Arbeit al Marashis basierte ihrerseits auf Informationen, die zum Teil schon vor dem Golfkrieg von 1991 verfügbar waren. (...) Das Dossier suchte den Eindruck zu erwecken, alle Informationen stammten aus britischen Geheimdienstquellen." (APA)

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