Antike Anleitung zur Reflexion

9. Februar 2003, 11:33
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Martin Korenjak wird mit 31 Jahren Professor der Philologie

Martin Korenjak plagt eine Horrorvorstellung: jene von der "Gesellschaft, die im Blindflug dahintreibt". Denn eine Gesellschaft müsse über sich nachdenken, auf welche Werte sie sich beruft, woher diese stammen. Jene der so genannten westlich orientierten Gesellschaft sind eindeutig von den Griechen und Römern geprägt.

Die Klugen von damals haben sicher nicht allein an das Primat der Ökonomie und der nutzbringenden Verwertung technisch-naturwissenschaftlicher Forschung geglaubt. Dass deren Erkenntnisse heute nicht vergessen werden, ist dem jungen Forscher echtes Anliegen. Sein Spezialgebiet am Institut für klassische Philologie an der Universität Innsbruck ist demnach auch die Rezeption von Literatur, Rhetorik und Dichtung jener Zeit.

"Karrieremäßig nichts mehr"

Dieses Engagement hat irgendwann zu ein paar Bewerbungen geführt. Weil eine davon höchst erfolgreich war, wünscht der Wissenschafter sich jetzt "karrieremäßig nichts mehr": Mit nur 31 Jahren wurde Martin Korenjak an die Universität Bern berufen. Er wird dort ab März als Mitdirektor des Instituts für Klassische Philologie seine Forschung betreiben. Angenehmer Nebeneffekt des Berner Umfelds: die Berge. Damit kann er weiter pflegen, was er schon an seinem Arbeitsplatz in Innsbruck über Jahre zu schätzen wusste: vom Büro hinaus zur Skitour oder zum Bergklettern. In ein paar Jahren vielleicht sogar in Gesellschaft: Seit gut zwei Monaten ist die Familie Korenjak zu dritt.

Wie viele "Geistesblitze" in diesem Land ist auch Martin Korenjak zufällig in seinem Wissenschaftsgebiet gelandet. Denn neben der Philologie hätte ihn auch die Physik, die Chemie und die Mathematik interessiert. Aber weil er nach dem Bundesheer "halt mit irgendwas anfangen musste", hat er sich mit Griechisch und Latein beschäftigt. Da begegnete er gleich zu Beginn des Studiums "einem ganz brillanten Professor". Dieser hat einen Haufen spannender Fragen in den Vorlesungen gestellt, an deren Beantwortung der damalige Student einfach Spaß hatte.

"Spaß soll es machen"

"Spaß soll es machen" - das ist ein Schlüsselsatz, wenn Korenjak für das Wissen um die alten Sprachen wirbt. An der Innsbrucker Universität habe man daher begonnen, für das Fach tatsächlich "ein bisschen Werbung zu machen", unter anderem einen Informationsfalter für Studienanfänger zu gestalten. Es sei wichtig zu vermitteln, dass das "kein toter Wissensstoff" ist. Eine Chance, die Erkenntnisse der Griechen und später der Römer für Junge spannend zu halten, sieht er darin, "möglichst gute Lehrer auszubilden" - eine wichtige Aufgabe der Universität, die er auch in Bern erfüllen will. Der Gedanke, dass "in hundert Jahren niemand mehr da ist", der das Wissen früherer Gelehrter entziffern kann, ist ihm die zweite grauenvolle Vorstellung.

Dabei gebe es so viel Unerforschtes und damit ein Zukunftsprojekt: jenes Wissen aufzuarbeiten, das im 18. und 19. Jahrhundert niedergeschrieben worden ist - natürlich in Latein. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Printausgabe, 8.2.2003)

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