Zoologisches Wunder im Porträt

7. Februar 2003, 21:15
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Sind Bärtierchen außerirdisch? Im Internet werden sie jedenfalls überirdisch lebendig präsentiert

Sie sind hart im Nehmen: Bärtierchen erwachen nach einem Tiefkühlschlaf bei minus 200 Grad Celsius wieder lustig und munter, und wenn es sein muss, können sie jahrelang mit nur zwei Prozent ihrer ursprünglichen Körperflüssigkeit in Trockenstarre überdauern. Sie bringen sich in japanischen Heißwasserquellen ebenso durch wie unter 200 Meter dickem grönländischem Eis. Sie wurden in 6000 Metern Höhe am Himalaya entdeckt und in 3000 Metern Tiefe in den Ozeanen. Leicht zu finden sind sie allerdings da wie dort nicht, denn sie sind mikroskopisch klein.

"Bärtierchen-Journal"

Einer, der sie dennoch aufspürt, ist der Deutsche Martin Mach, und er hat ihnen im Internet auch gleich ein wohnliches Biotop eingerichtet: www.baertierchen.de wurde hier schon einmal vorgestellt, doch seit April 2001- die damalige STANDARD-Berichterstattung hat übrigens zu einem vielhundertprozentigen Anstieg der Site-Besuche geführt - hat sich im "Bärtierchen-Journal" viel getan.

So gibt's jetzt im Februar ein sensationelles "Fly-by", eine bewegte Rundumschau um ein so genanntes "Tönnchen" - so werden die äußerst widerstandsfähigen Trockenstadien der Bärtierchen genannt. Und im "Zitat des Monats" wird darüber informiert, dass Bärtierchen unter Laborbedingungen bis zu 14-mal eintrocknen und wieder zum Leben erwachen können.

Plump und putzig

Tatsächlich erinnert das Bärtierchen optisch an ein plumpes, putziges Bärchen auch wenn es nicht vier, sondern acht krallenbewehrte Beinchen besitzt. Doch was sind Bärtierchen wirklich? Zeitweilig wurden sie sogar von ernsthaften Wissenschaftern für außerirdischen Ursprungs gehalten - nicht zuletzt deshalb, weil sie geradezu kosmische Extremzustände überleben können. Bärtierchen halten nicht nur Weltraumkälte und -trockenheit stand, sie sind auch extrem resistent gegen Strahlung. Auch darüber informiert das Bärtierchen-Journal von Martin Mach - und über die Tatsache, dass die rund 750 bisher entdeckten Arten heute zu den Gliedertieren gerechnet werden, wobei man ihnen dort allerdings einen ganz eigenen Stamm zugesteht.

Tardigradien ("Langsamgeher") werden Bärtierchen auch genannt, und langsam hanteln sich die höchstens einen Millimeter "großen" Wundertiere entlang, wenn sie an Pflanzen futtern.

Sympathisch ist Machs Plädoyer für einen sorgsamen Umgang mit den Kleinen. Und verblüffend immer wieder ihr fotografisch festgehaltener Blick: "Auf der Suche nach der Seele" nennt Mach denn auch eine Porträtreihe. In natura kann ein Blickkontakt zwischen dem riesenhaften Lebewesen Mensch und den mikroskopischen Winzlingen zwar niemals funktionieren - auf Martin Machs Porträts schaut uns der Wasserbär aber direkt ins Herz. (Andrea Dee, DER STANDARD Printausgabe 8/9.2003)

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