Freie Pätze am Altar

7. Februar 2003, 20:42
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Künstler sollten Symbole ihrer Zeit schaffen, welche Platz am Altar einer zukünftigen spirituellen Religion einnehmen sollten, meinte "Blaue Reiter"-Mastermind Franz Marc. Heinrich Campendonk (1899 - 1957), ebenfalls Mitglied dieser 1911 in München gegründeten (romantischen) Künstlergruppe, fand dieses Symbol im Mäher, der mit der Natur in Einklang stand, mit Mutter Erde verbunden und verwoben war. Da schien die Welt noch in Ordnung, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Campendonk malte 1914 einen Roten (jetzt in einem deutschen Museum befindlichen) Mäher und einen Blauen Mäher, wobei letzterer Hauptattraktion der German & Austrian Art-Auktion diese Woche bei Christie's in London war. Zu Recht. Niemals war das kubofuturistisch-expressive Bild, ein bedeutendes Dokument der Künstlergruppe, zuvor angeboten gewesen. Statt der erwarteten 500.000 bis 700.000 Pfund flossen über eine Million Pfund in die Christie's-Kassen. Die "zukünftige spirituelle Religion", von der Marc einst sprach, könnte sie heute, zynisch gesprochen, die des Geldes sein?

Für eine Jubiläumsauktion anlässlich des zehnjährigen Bestehens dieser Sparte hätte man trotzdem eine üppigere Auktion vermutet, man denke an Highlights wie Klimts Ölbild von Schloss Kammer am Attersee, an zweibändige Kataloge im schicken Schuber ...

Eine etwas absurde Tatsache: Diesmal fand sich kein einziges österreichisches Kunstwerk auf der Auktion, die 19 von 37 Bildern an neue Besitzer brachte und die nach Wert 5,6 Millionen Euro einspielte. Beliebt bei den - zu 75 Prozent aus Europa und Großbritannien stammenden - Sammlern waren expressionistische Werke von Conrad Felixmüller. Ein Europäer sicherte sich Emil Noldes Sonnenblumenbild I von 1928 um 941.650 Euro inklusive Taxen. Drei Kandinsky-Arbeiten blieben liegen, ebenso eine sechsteilige Lithografie-Mappe von El Lissitzky.

Sotheby's, das traditionell im Herbst seine German und Austrian Art anbietet, integrierte dieses Segment in ihre Impressonisten-Auktion, welche Pierre Bonnards La Porte Fenetre mit über vier Millionen Pfund an der Spitze führte und insgesamt mit über 16 Millionen Euro oder 61 Prozent nach Wert bilanzierte. Für eine Impressionisten-Auktion schwach, Christie's verkaufte überhaupt nur 50 Prozent.

Von den deutschen Modernen sowie von den Österreichern (etwa Schiele-, und Kokoschka-Blätter) wurde praktisch nichts verkauft. Andrea Jungmann von Sotheby's Wien, die die Auktionen in London verfolgte, sieht diese Ergebnisse unter anderem in der schlechten Wirtschaftslage Deutschlands begründet und vermutet, dass das ganze Jahr 2003 nicht leicht für die Sparte sei - im Gegensatz zur Gegenwartskunst.

Ein weiterer bedeutender Gratmesser für deutsche Kunst des frühen 20. Jahrhunderts dürfte sicher die Frühjahrsauktion des auf deutsche Expressionisten spezialisierten Berliner Auktionshaus Villa Grisebach sein. Doris Krumpl []

"10 Jahre Deutsche und Österreichische Kunst" bei Christie's London; Sotheby's integrierte das Segment in seine Impressionisten-Auktion: mit mäßigem Erfolg.
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