Flucht durch Europa

7. Februar 2003, 20:43
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Henning Mankell über Luxusprobleme und Existenzielles

Henning Mankell lebt "mit einem Fuß im Schnee, mit dem anderen im Sand" - eine Formulierung, die er bei jedem Interview gebetsmühlenhaft wiederholt. Wo seine Sympathien liegen, ist auch klar, im Sand, das heißt, in der so genannten Dritten Welt. Sein Drama Butterfly Blues hat das bei seiner Grazer Uraufführung - für viele allzu schlicht und moralisierend - noch einmal verdeutlicht. Im neuen Roman, in dem die Figur der jungen afrikanischen Immigrantin Tea-Bag wie im Drama eine wichtige Rolle spielt, beschäftigt sich Mankell mit dem gleichen Thema.

Die Chancen der Prosa bestehen darin, feinere Differenzierungen zu erlauben als das Theaterstück, nur macht Mankell oft nicht Gebrauch davon. Er stellt die Existenzprobleme illegaler Einwanderer den Wehwehchen der saturierten Europäer gegenüber. Letztere werden durch die Figur des Jesper Humlin verkörpert. Jesper ist ein schwedischer Lyriker mit prätentiösem Anspruch. Schwerverständliches zu schreiben gilt ihm als Ausdruck von Qualität. Dem macht sein Verleger ein Ende. Die Konzernherren wollen endlich Bares sehen, keine unverkäuflichen Lyrikbände. Also ereilt Jesper das Ansinnen, statt kostbarer Lyrik einen vulgären Krimi zu schreiben. Außerdem sitzt Jesper seine dominante Mutter im Nacken, die als Greisin ausgerechnet ein gutgehendes Geschäft mit Telefonsex aufzieht. Die langjährige Freundin will definitiv wissen, ob Jesper sich baldigst zu gemeinsa- mem Nachwuchs bequemen kann, andernfalls sie sich einen neuen, entschlussfreudigeren Samenspender für die Fortpflanzung suchen werde.

Die Sorgen von Jesper sind natürlich lächerlich gegenüber dem, was die im Untergrund lebenden Immigrantinnen durchzustehen haben. Aber kann man Jesper einen Vorwurf daraus machen, dass er Probleme hat, die in einem anderen Erdteil absurd erscheinen? Jesper, frustriert von Angehörigen und Verlagsbusiness, trifft zufällig auf Tea-Bag und ihre Schicksalsgenossen. Er ist schockiert und interessiert. Denn die Geschichte, die Tea-Bag zu erzählen hat, würde treffliches Material abgeben für ein neues Buch. Nur, was hat Tea-Bag wirklich erlebt? Je nach Anlass und Laune verändert sie ihre Biografie. Wer dauernd verfolgt wird, dessen Identität wird zerstört, er kann seine Nationalität, seinen Namen ändern wie ein Chamäleon.

Ob sie sich bizarrerweise als Kurdin oder als Nigerianerin ausgibt - was macht das schon? Wahrheit ist ein sehr subjektiver Begriff. Er bedeutet für Jesper etwas ganz anderes als für Tea-Bag. Warum wechselt Tea-Bag oft so abrupt das Thema, ändert die Richtung ihrer Erzählungen, stellt so seltsame Fragen? Tea-Bag und die dicke Leyla, die vom muslimischen Familienpatriarchen terrorisiert wird, wollen Schriftstellerinnen werden. Jesper soll ihnen das Handwerk beibringen. Die jungen Frauen wollen mit dem Schreiben viel Geld verdienen - am besten mit einer Soap-Serie fürs Fernsehen. Jesper findet, dass er die Geschichten der Frauen gut als Stoff für ein eigenes Buch gebrauchen könnte. Fragt sich nur, was sich besser verkauft. Die Geschichten von Immigrantinnen oder ein Krimi? Mankell macht klar, dass Tea-Bag und ihre Schicksalsgenossinnen in einer vollkommen anderen Land leben als Jesper, obwohl sich alle physisch in Schweden befinden.

Auch Mankell selbst kann als Schriftsteller die beiden Welten nicht wirklich verbinden. Wenn Tea- Bag von ihrer Flucht, dem Auffanglager in Spanien und ihrer Wanderung durch Europa erzählt, macht sie das auf eine seltsam entrückte, lyrische Weise, die sich eher wie eine Sage liest, so, als ob es ohnehin unmöglich wäre, dem nackten Horror ins Gesicht zu sehen. Diese Passagen, die kursiv gesetzt sind, wirken bestenfalls artifiziell, schlimmstenfalls kitschig. Nicht anders ergeht es einem, wenn die Mädchen in der Schreibwerkstatt Jespers wie ein Wasserfall loslegen und Texte absondern wie ein abgebrühter Literat. Das passt nicht zusammen und lässt einen ratlos zurück. Sand und Schnee scheinen unvereinbar. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.2.2003)

Von Von Ingeborg Sperl

Henning Mankell:
Tea-Bag
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
€ 24,20/380 Seiten
Zsolnay, Wien 2003

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    Der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell beschreibt Welten, die nicht zueinander finden, weder geografisch noch emotionell noch literarisch.

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