Der Operngast, der aus der Kälte kam

7. Februar 2003, 20:38
posten

Ab 11. Februar gastiert das Mariinky Theater mit Valery Gergiev in Graz

Gergiev da, Gergiev dort. Da könnte mitunter schon der Eindruck entstehen, es gäbe den russischen Dirigenten mehrfach. Wer einmal nach Mitternacht mit ihm beisammen gesessen ist, der kann allerdings davon berichten, dass Gergiev einfach eine Überdosis Energie hat und gerne viel tut. Vielleicht mitunter zu viel. Und auch jene, die ihn sehr schätzen, etwa die Wiener Philharmoniker, sind der Meinung, dass er ein toller Musiker ist. "Er muss sich allerdings langsam entscheiden, was er machen will und vor allem: wie viel er machen will", meint etwa Orchestervorstand Clemens Hellsberg. Wie auch immer. Der rasende Gergiev, der längst einer der etablierten Musiklenker der internationalen Szene ist, hat es sich dennoch nicht nehmen lassen, auch dort, woher er kommt, verwurzelt zu bleiben - in Russland nämlich. Der Dynamische, 1953 in Moskau geboren, ist seit 1988 am Mariinky Theater von St. Petersburg tätig.

Und obwohl er, der zunächst Pianist werden wollte, viel mit den Rotterdamer Philharmonikern zu tun hat (dort gibt es ein nach ihm benanntes Festival), obwohl Gast an der Metropolitan Opera in New York, am Covent Garden in London, an der Scala in Mailand und bei den Salzburger Festspielen (zuletzt mit Puccinis Turandot), ist er dem Theater bis heute treu geblieben, sucht Sponsoren und Gönner. Und sorgt auch für Gastspiele: Im Festspielhaus Baden-Baden sind die St. Petersburger fast eine Art Haus-Ensemble, man kann dort einmal im Jahr gewissermaßen Mariinsky Festspiele erleben. Das Theater blickt auf eine ziemlich lange Tradition zurück. 1860 errichtete und nach der Zarin Maria benannt, ist es Ballett-Fans durch Namen wie Anna Pavlova, Niinsky oder Nurejew ein Begriff. Auch im Opernbereich kann man etwa darauf verweisen, dass immerhin Giuseppe Verdi höchstpersönlich einst als "teilnehmender Beobachter" bei der Uraufführung seiner Oper "Die Macht des Schicksals" in der alten Zaren-Metropole zugegen war. Das ist natürlich ein Weilchen her. Dass man heute wieder im Gespräch ist, hängt mit dem unermüdlichen, explosiven Gergiev zusammen, der als Chefdirigent und künstlerischer Leiter seit 1988 (und als Generaldirektor seit 1996) erfrischend wirkte, das Haus entstaubte und neben dem russischen Opernrepertoire auch Wagner (u.a. Lohengrin, Ring, Parsifal), Mozart und zudem auch das italienische Fach pflegt. Logisch: Unter seiner Leitung reisen Solisten, Chor, Orchester und das Kirov-Ballett des Mariinsky Theaters nun nach Graz. Die Grazer Schwesternstadt, die heuer den europäischen Kulturmonat ausrichtet (St. Petersburg hat sich auch als Kulturhauptstadt beworben, unterlag aber) bringt Opernhaftes mit: Da wäre Domenico Cimarosas (er war übrigens 1787 bis 1791 Hofkapellmeister am Zarenhof) "azione teatrale" La Cleopatra und Igor Strawinskys Opernoratorium Oedipus Rex spannt. Sir Jonathan Miller (Regie und Bühnenbild) und Sue Willmington (Kostüme) erarbeiten diese Aufführungen eigens für die diesjährige Kulturhauptstadt Europas - danach werden die Produktionen in St. Petersburg gezeigt.

Mit Tschaikowskis Opern Mazeppa (1884 in Moskau uraufgeführt) und Pique Dame (1890 in St. Petersburg uraufgeführt) wird auch das 19. Jahrhundert im Grazer Opernhaus musiktheatralisch thematisiert. Nicht zu vergessen die Konzerte: Das Orchester des Mariinsky Theaters wird am 20. und am 23. Februar aufspielen; das erste Konzert ist Teil der Reihe Ikonen des 20. Jahrhunderts mit Igor Strawinskys Le sacre du printemps - überraschenderweise wird auch Friedrich Cerhas Spiegel (I, III, VI, VII) erschallen. (tos/ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.2.2003)

  • Operngrüße aus St. Petersburg in alle Welt und auf viele Bühnen: der russische Dirigent Valery Gergiev
    foto: universal

    Operngrüße aus St. Petersburg in alle Welt und auf viele Bühnen: der russische Dirigent Valery Gergiev

Share if you care.