Klangnebel der Moderne

7. Februar 2003, 19:32
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Orchester des Slowenischen Rundfunks in der Helmut-List-Halle

Graz -Mit ziemlicher Spannung wurde das Konzert erwartet. Denn nicht nur, dass mit ihm im Rahmen von Graz 2003 der Zyklus Ikonen des 20. Jahrhunderts eröffnet wurde - auch die neu gebaute Helmut-List-Halle hatte mit dem Gastspiel des Sinfonieorchesters des Slowenischen Rundfunks ihr Debüt als Konzertraum.

Der Saal, der bereits bei Beat Furrers Musiktheater Begehren durch seine Transparenz und Flexibilität beeindruckte, wurde diesmal mit großorchestralen Klängen befüllt - und meisterte die Aufgabe mit Bravour, der Klang blieb selbst bei dichtesten Fortepassagen kompakt und duftig. Vergleicht man den Klangraum der Helmut-List-Halle mit einem kristallklaren Glas, so war der an diesem Abend darin servierte Wein gut, solide, aber etwas kraftlos.

Eröffnet wurde die Ikonenreihe mit György Ligetis Atmosphères, einem Schlüsselwerk der Moderne. Geleitet von Johannes Kalitzke brach das Orchester zu einer Reise durch Wolken aus Klangfarben auf, blieb bei den Verdichtungen und Entladungen jedoch zu zurückhaltend, um auch die inhärente Werkdramatik zu vermitteln.

Ganz anders dagegen bei Uros Rojkos den Wahnsinn des Balkankrieges vorausahnendem Stück Der Atem der verletzten Zeit: In gewaltigen Crescendosteigerungen gleicht der Orchesterklang einer schreienden Wunde, wird die Musik zum hoch expressiven, aber dennoch sehr fein austarierten Ausdruckskörper. Roman Haubenstock-Ramatis Nocturne II wie auch Giacinto Scelsis Aion fehlte es bei aller Klarheit der Präsentation an der für diese Musiken so wichtigen Klangmagie.

Vermisste man bei Nocturne II die Zartheit des Leisen, so konnten die ebenso ruhigen wie wuchtigen Klänge Scelsis nicht frei atmen, blieb die gewaltige Musikkraft an das Band von Phrasierungsbrüchen gekettet. Es steckt also noch herauszuforderndes Potenzial in diesem ebenso großartigen wie heiklen Raum. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.2.2003)

Von Robert Spoula
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