"Richtung Zukunft durch die Nacht": Vorher ist wie nachher

23. Juli 2004, 14:44
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Jörg Kalts absurd-komisches Spielfilmdebüt "Richtung Zukunft durch die Nacht"

Wien - Liebesgeschichten, besonders im Kino, kommen an dieser Urszene nicht vorbei: Dass sich Mann und Frau erst einmal treffen müssen. Irgendwie, irgendwo, irgendwann - Jan Delays gleichnamiger Song weist im Debüt von Jörg Kalt, seinem Diplomfilm an der Wiener Filmakadamie, (auch) darauf hin.

Doch scheint hier von Beginn an alles ein wenig anders: Anna, die Filmstudentin, spricht asynchron, wenn sie aufgeregt ist, und das kleine Wunder eines Tropfens, der an ihrem Hals aufwärts fließt, bringt den Vorspeisenkoch Nick vielleicht überhaupt erst dazu, sie anzusprechen.

Bis zum Morgengrauen läuft alles gut - die beiden treiben durch die Nacht, streifen dabei andere Genres: Eine Verfolgungsjagd mit der Polizei mündet abrupt in eine Erpressergeschichte, die von Anna in Superheldinnen-Manier gelöst wird. Danach wird gekocht und noch allerhand charmanter Unsinn geredet.

Simon Schwarz und Kathrin Resetarits verkörpern dieses Paar mit einer souveränen Gelassenheit, im Vertrauen auf die Wirkung ihrer verhaltenen Gesten. Es liegt nicht zuletzt an ihnen, dass sich Kalts Film nicht in erzählerischen Experimenten erschöpft. Beispielsweise beim Romantic Dinner, wo Anna lapidar bemerkt, dass sie in der Filmakademie Hausverbot hat, weil sie den Regisseur Peter Patzak aus dem Fenster geworfen hat.

Richtung Zukunft durch die Nacht strotzt vor solchen Insider- und ähnlichen Schmähs. Aber anders als in jenem pointenreichen Kino, das man aus Österreich zur Genüge kennt, haben sie hier eine absurde und sympathisch subjektive Färbung und gehen mit einem formalen Einfallsreichtum einher, der den Film zwar ein wenig uneinheitlich erscheinen lässt, zugleich jedoch auch die eigenen ökonomischen Grenzen selbstironisch aufzeigt. In der Mitte scheint dann alles vorbei zu sein. Der Abspann läuft, aber das Happyend hat ein Nachspiel:

Nick erwacht in der Zukunft, und nicht nur die Zeit läuft wortwörtlich verkehrt. Telefone läuten zu spät, das Schaumbad steigt aus dem Abfluss, und Auto fahren sieht einfach dumm aus. "Was hat dich bloß so ruiniert?", singen Die Sterne, weil auch die Beziehung von Anna und Nick zerrüttet ist:

Kommunikationsprobleme, die nicht erst bestehen, seit man sich nicht mehr "versteht". Spätestens an dieser Stelle wird offensichtlich, dass die Komik hier eine schwermütige Seite hat. Denn die Rückwärtsbewegung führt unweigerlich zu der Einsicht, dass es für dieses Paar keine Zukunft gegeben haben wird.
(DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.2.2003)

Von Dominik Kamalzadeh

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