Trüffelsuche im Festivalzirkus

7. Februar 2003, 19:21
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Claus Philipp aus Berlin

"Mr. Gere, wie sind Sie mit der Nachricht umgegangen, dass alle Frauen einen Orgasmus bekamen, als Sie für Chicago den Golden Globe erhielten?" Blöde Fragen wie diese würde man normalerweise nicht einmal unter vier Augen stellen. Bei Filmfestivals gehören sie zum täglich Brot in Pressekonferenzen, bei denen man sich für die Berufsgilde der Journalisten doch manchmal in Grund und Boden geniert. Ein Profi wie Richard Gere denkt sich dann aber bestenfalls seinen Teil und antwortet etwas wie: "Hat hier noch jemand einen Orgasmus?"

Puh. Nicht auszudenken, wie das werden wird, wenn George Clooney in die Stadt einreitet. Jetzt schon kursieren Gerüchte, der Star wolle Max mitbringen. Max ist ein Hängebauchschwein, isst zum Frühstück angeblich (so der Berliner Tagesspiegel) "keine Kekse, sondern Trüffeln und Mousse au chocolat", und auf die geilen Kurzinterviews zu diesem Thema freuen wir uns schon jetzt.

Wobei: Trüffel hätte man zwar vielleicht selber gerne, aber auch die Berlinale ist mit Sparprogrammen konfrontiert und mit der Tatsache, dass allzu viel Glamour und Verschwendung in einer Stadt, in der rund jeder Fünfte arbeitslos ist, derzeit vielleicht doch nicht ganz so gut ankommen.

Milch und Honig

Natürlich nehmen die Berlinerinnen und Berliner erfreut zur Kenntnis, wenn Michael Douglas seiner hochschwangeren, angeblich täglich in Milch und Honig badenden Gemahlin Catherine Zeta-Jones aus der Limousine hilft. Andererseits passt man aber schon auf, wie der Regierende Bürgermeister auf dem Podium etwa auf die Frage reagiert, was nun der Unterschied zwischen einem großen und einem kleinen Betrieb sei.

Klaus Wowereit sagte: "Der große ist Pleite." Das fanden alle amüsant. Und fast noch amüsanter fanden alle, dass die Moderatorin der Eröffnungsgala, Anke Engelke, die öffentliche Vorlesung sämtlicher Festivalsponsoren so kommentierte: "Bitte merken Sie sich alle. Wir machen nachher ein Quiz." Hat da jetzt noch jemand was über "Kino" gefragt oder gesagt?

Am Freitag wurde im Berlinale-Wettbewerb immerhin ein erster "Bären-Favorit" kontroversiell diskutiert: Der chinesische Regisseur Zhang Yimou, in den letzten Jahren abwechselnd als potenzieller Dissident oder als Liebkind der Propagandisten seiner Heimat diffamiert, legt mit Hero seinen bis dato aufwändigsten Versuch vor, nationales Kino für ein internationales großes Publikum zu machen.

In Berlin wurde Zhang Yimou bereits 1988 für sein Spielfilmdebüt Rote Erde mit einem Goldenen Bären bedacht, und vor drei Jahren war er hier mit The Road Home erfolgreich im Wettbewerb vertreten.

Zu Hero wurde er angeblich durch den Erfolg von Ang Lees märchenhaftem Drama Crouching Tiger, Hidden Dragon ermutigt: Auch Hero erzählt also von mit Schwertern gerüsteten Superhelden, die, diesmal im 3. Jahrhundert vor Christus, verhindern sollen, dass es zur Krönung des ersten chinesischen Kaisers Shih Huang Ti kommt.

Das zeitigt teilweise wunderbare Kampfchoreografien, und Darsteller wie Tony Leung oder Maggie Cheung sind wie immer eine Freude, insgesamt wirkt die ganze Sache aber etwas formverliebt und unentschlossen - vielleicht auch, weil Zhang Yimou als Erzähler zu den historischen Hintergründen nicht richtig Stellung bezieht.

Umstrittener Held

Dass er den späteren Kaiser, der in Wirklichkeit ein gewalttätiger Despot war, durchaus positiv zeigt, wird ihm von jungen chinesischen Oppositionellen denn auch ebenso angekreidet wie die Tatsache, dass die Kommunisten in China Hero (auch als bis dato erfolgreichste heimische Produktion) über den grünen Klee loben: Dieselben Regierungspolitiker hatten in den letzten Jahren einige von Zhang Yimous Filmen verbieten oder zensurieren lassen.

Angepasst? Eingekocht? Missverstanden? Irgendwie scheint sich dieser Regisseur durchaus nicht von dem Terrain, aus dem heraus er erzählen will, vertreiben lassen zu wollen. Und darüber werden seine Werke manchmal rätselhaft doppeldeutig, dann aber auf erratische Weise wieder oberflächlich, schick oder sentimental.

Wo steht er? Oder ist das aus seiner Sicht keine Frage? Jedenfalls: Wer heute politisch wach über Kunst und über Kino nachdenken will, steht bei Zhang Yimou, ähnlich wie etwa bei manchen iranischen Filmemachern, vor besonderen Herausforderungen. Ihn jetzt einfach als Mitläufer abzustempeln, wäre gar zu einfach (und aus westlicher Sicht präpotent).

Einmal mehr wird klar: Bewertung ist nicht zuletzt eine Frage von Information. Dass man über diese etwa in Angelegenheiten anderer Kulturen, Lebens- und Arbeitsverhältnisse nur bedingt verfügt, deshalb mit schnellen Urteilen also vorsichtig sein sollte, zeigt in diesen denkwürdigen Zeiten - Orgasmus hin, Hausschwein her - auch ein Zirkus wie ein Filmfestival.

Die 53. Ausgabe der Berlinale probt den Spagat zwischen publikumswirksamem Glamour und volksnahem Sparprogramm. Und für Diskussionsstoff ist zum Wettbewerbsauftakt mit Zhang Yimous Historienspektakel "Hero" auch gesorgt.
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