Kulturpolitik als absurdes Theater

10. Februar 2003, 16:47
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Ein Plädoyer für das Gießkannenprinzip

Nun ziehen Österreichs vier politische Gruppierungen ihre präkoalitionären Sonden wieder ein. Schließlich haben sich Grün und Blau treuherzig für eine voraussichtlich abermals verstümmelte Regierungsperiode zur (im Fall der FPÖ sogar schon zweitmaligen) Opferung durch die ÖVP angemeldet. Ein Resümee lässt sich zumindest jetzt schon ziehen: In keinem dieser die Zeit für den Staatsbürger provokant schindenden Palaver wurden Begriffe wie Kultur oder gar Kunst thematisiert.

Dieser Umstand ist für das in Österreich vorherrschende politische Grundbewusstsein wohl in höchstem Maße verräterisch, wenn auch keineswegs bedauernswert. Lesen sich doch die Passagen, in denen die Parteien ihre ungelenke Pflichtübung in Kulturpolitik ablegten, eher wie Drohungen denn wie ermutigende Versprechungen.

Was ebenfalls kein allzu großes Unglück darstellt. Fragt es sich doch, ob Kulturpolitik in ihrem herkömmlichen Sinn überhaupt das Metier eines Staates ist, in dem Freiheit und Demokratie mehr sein dürfen als zwei substantivische Hilfswörter, die man, wenn einem nichts anderes einfällt, vor sich her sagt.

Gesinnungszwang

Politik, auch in ihren besten Varianten, hat nämlich immer etwas mit Lenkung zu tun, ohne die sie nicht auskommt. Sie schafft Gesetze, die befolgt werden wollen. Wer gegen diese verstößt, setzt sich ins Unrecht. Übertragen auf Kunst und Kultur führt dieser Mechanismus irgendwann zum ästhetischen und (in seinen schlimmsten Ausformungen in allen faschistischen Regimes) auch persönlichen Gesinnungszwang. Daher ist es kein Wunder, dass es gerade die Diktaturen waren, unter denen Kultur- und Kunstpolitik zur staatstragenden Disziplin aufstiegen.

Freilich lässt sich der Kulturbegriff auch anders definieren: "Kultur ist das eigentliche Leben, sie liegt Politik und Wirtschaft im Lokalen und Feuilleton zugrunde und verbindet beide. Kultur ist kein Vorbehaltsgrund für Eingeweihte, sie ist vielmehr unser aller Lebensweise. Sie ist folglich auch die Substanz, um die es in der Politik geht."

Wer als Autor dieser Zeilen einen, wenn auch musischen, so doch strammen Roten vermutet, irrt gewaltig: Sie stammen von keinem Schwärzeren, als der CDU-Politiker und einstige Präsident der Deutschen Bundesrepublik, Richard von Weizsäcker, einer ist. Über jeglichen Verdacht pathetisch-romantischer Gleichmacherei erhaben, weist Weizsäckers Sentenz dem, was man Kulturpolitik nennen könnte, gerade die gegenteilige Richtung, in der sie heute verläuft.

Sie rät dem politischen Akt zur Kultur und gibt der Politik die Chance, Kunst zu werden. Und indem sie jedem Einzelnen die Möglichkeit und den Auftrag zu Kunst und Kultur erteilt, wird Weizsäcker sogar zum theoretischen Gefährten von Joseph Beuys.

So spektakulär ein Kunstwerk nach seiner Fertigstellung auch sein mag, so ist Kunst machen und Kultur auf ganz persönliche Weise verwirklichen ein Werk der Stille, der Geduld und oft des Verzichts.

Daher kann der möglicherweise wählerwirksame Megaevent niemals das einzige Ziel und der einzige Nachweis effizienter Kulturpolitik sein. Ebenso wenig, wie es die größte Befriedigung für Künstlerinnen und Künstler sein darf, sich anlässlich diverser Politikeressen zu Tanzbären zu degradieren, die sich herbeipfeifen lassen.

Um den Bart gehen

Werden im Verlauf dieses absurden kulturpolitischen Theaters doch weniger Sympathie und gegenseitige Wertschätzung signalisiert als inhaltsleerer Publicity-Opportunismus auf beiden Seiten. Bis zu manch bedingungslosem Surrender, mit dem, wie eben in Graz, so genannte Kulturmanager den Wahlsiegern öffentlich um den Bart gehen - frei nach dem Motto: Wer mich fördert, gewinnt bei den Wahlen.

Derlei Aktionen sind freilich nicht dazu angetan, das Ansehen, das die Kunstszene auf politischer Seite genießt, besonders zu befördern. Vielmehr wird der seitens der Politik nur zu Repräsentations- und Renommierzwecken missbrauchte, im politischen Bewusstsein jedoch gar nicht existente Bereich von Kunst und Kultur noch weiter ins Out gerückt.

Die ganze Verkommenheit des politischen Denkens in Zusammenhang mit Kunst und Kultur lässt sich an der beschämenden Tatsache ablesen, dass die Fertigkeit und die Aussicht, Sponsoren zu keilen, heute eines der maßgeblichen Kriterien für die Bestellung eines Festspiel- , Theater- oder Museumsleiters darstellen. So wird gerade das, was nach Weizsäcker "unser aller Lebensweise" sein sollte und auch "die Substanz, um die es in Politik geht", betteln geschickt.

Der ganze Garten

Im Gegensatz dazu wurde noch in keinem Land ein Heeresminister vor seiner Ernennung gefragt, ob ihm vielleicht die Firma Nestlé ein paar Panzer sponsert oder ihm der momentan in der Klemme sitzende Herr Vilar gar einen Abfangjäger kauft. Wenn es um das Töten geht, greift man ohne mit der Wimper zu zucken ins Budget. Bei der Förderung von Kunst und Kultur lallt man von Schwerpunkten und von Qualität und begibt sich damit ins Vorfeld des geistigen Terrors. Denn wer allzu gerne Schwerpunkte setzt, schließt allzu viele aus.

Daher ist das wichtigste Gerät, das dem Politiker für die Förderung von Kunst und Kultur zu Gebote steht, immer noch die Gießkanne. Denn, um strahlende Blüten zu haben, muss man den ganzen Garten gießen. Aus diesem Grund sollte diese Gießkanne ebenso groß und so voll sein, wie jene des Verteidigungsministers. Denn ein blühender Garten der Kunst will mindestens ebenso gut gegossen sein wie ein Friedhof oder ein Trümmerfeld. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.2.2003)

Von Peter Vujica
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