Urteilsspruch in elsässischer Kunstraub-Affäre

7. Februar 2003, 07:25
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Vier Jahre Haft für "narzisstischen und kindischen" Kleptomanen

Bulle - In einer der spektakulärsten Kunstraub-Affären der Nachkriegszeit ist der Täter am Donnerstag in der Schweiz zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt worden. Das Gericht in Bulle befand den 31-jährigen Kellner aus dem Elsass für schuldig, aus Schweizer Museen und Schlössern 69 Kunstgegenstände mit einem Schätzwert von rund 1,1 Millionen Euro gestohlen zu haben.

Insgesamt ergatterte der kunstbesessene Franzose seit 1995 bei Raubzügen durch Museen in mehreren europäischen Ländern 239 Werken von zum Teil unschätzbaren Wert. Ein großer Teil der Beute wurde mittlerweile von seiner Mutter zerstört. Das Gericht erteilte zudem ein zehnjähriges Einreiseverbot in die Schweiz.

Aus Österreich hat der Kunstdieb das ovale Ölbild "Flötenspielender Knabe" aus dem Tiroler Landesmuseum entwendet. Der Wert des Werks des niederländischen Malers Gerard Dou ist mit "sechs bis sieben Millionen Schilling" (436.037 - 508.710 Euro) angebene worden.

Der von einem Psychiater als "narzisstisch und kindisch" beschriebene Dieb brach während der Verhandlung wiederholt in Tränen aus. Er habe aus Passion gehandelt und keines der Werke verkauft, versicherte der Großneffe des elsässischen Malers Robert Breitwieser (1899-1975). Er bezeichnete sich selbst als verwöhntes Einzelkind, das von einer besitzergreifenden Mutter und seiner Großmutter verhätschelt worden sei.

Er habe nicht ertragen, dass andere Werke kaufen konnten, die für ihn mit seinem Kellnergehalt unerreichbar waren. Bei den Beutezügen durch zumeist kleine und schlecht bewachte Museen schnitt der Dieb Gemälde mit einem Cutter aus dem Rahmen und versteckte sie unter dem Mantel, andere Kunstgegenstände ließ er im Rucksack verschwinden. Die Beute hortete der Franzose in dem Einfamilienhaus im Südelsass, wo er mit seiner Mutter wohnte.

Die Mutter vernichtete nach der Festnahme ihres Sohnes im November 2001 in Luzern den Großteil der gestohlenen Sammlung. Gemälde zerschnitt sie in kleine Stücke und warf sie weg. Für immer verloren sind so Werke der Meister Francois Boucher und Antoine Watteau (18. Jahrhundert), Pieter Bruegel (17. Jahrhundert) sowie das Porträt "Die Prinzessin von Kleve" des deutschen Malers Lucas Cranach (1472-1553), das 1995 in Baden-Baden gestohlen wurde. Andere Beutestücke - wertvolles Porzellan, Statuen, alte Uhren, Waffen und Instrumente - warf die Frau in einen Kanal bei Straßburg. Rund 110 davon wurden geborgen und teilweise restauriert.

Der 31-Jährige wird sich auch noch in Frankreich zu verantworten haben. Die Straßburger Staatsanwaltschaft ermittelt außerdem gegen die frühere Freundin des Diebes, die bei den Raubzügen Hilfe leistete, sowie gegen die Mutter wegen der beispiellosen Zerstörungsaktion. Einen Termin für den Prozess in Straßburg gibt es noch nicht. (APA)

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