Tauwetter zwischen Russland und Pakistan

6. Februar 2003, 20:17
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Moskau sucht im Schatten des Irakkonfliktes ein neues Verhältnis zu islamischen Staaten

Nach 33 Jahren hat am Donnerstag erstmals ein pakistanisches Staatsoberhaupt Moskau besucht und ein allmähliches Tauwetter zwischen den beiden Staaten eingeleitet. In russischen Augen ist Pakistan ein Nest für Terroristen, die zum Teil auch nach Tschetschenien einsickerten. Dementsprechend betonte der russische Präsident Wladimir Putin beim Gespräch mit Pakistans Militärmachthaber Pervez Musharraf das The- ma Terrorismusbekämpfung, während Musharraf auf bessere Wirtschaftsbeziehungen hoffte. Auch möchte er Putin als Vermittler im Kaschmir-Konflikt gewinnen, eine Rolle die Putin im Sommer schon einmal erfolglos aufgriff. Putin ist nicht abgeneigt, aber zur höchsten Vorsicht angehalten, um seinen traditionellen Wirtschaftspartner Indien nicht zu verunsichern.

Gewiss manövriere sich Russland mit seinem Engagement im Konflikt zwischen Indien und Pakistan in eine schwierige Lage, aber "das Treffen mit Musharraf hat gezeigt, dass Russland seine Position in den islamischen Ländern sucht", sagt Alexei Malaschenko, Orientexperte am Moskauer Carnegie-Institut, zum STANDARD. "Russland versucht seine Nische zu finden." Die islamische Welt sei vielfältig genug, und gerade weil Amerika sich auf den Irak und den Nahen Osten konzentriere, könne Russland unter anderem Südasien fokussieren. Schließlich bedinge Stabilität in dieser Region Sicher- heit für den gesamten eurasischen Raum und für Russland selbst, wo bis zu 20 Millionen Muslime leben.

Die arabisch-islamischen Staaten würden das Verhältnis zu Russland noch wie zu Zeiten des Kalten Krieges für sich nützen. Der Irak, Saudi-Arabien, Iran oder die Palästinenser gingen davon aus, dass Russlands Potenzial als "Großmacht" in der islamischen Welt noch nicht ausgeschöpft ist, und spielen diese Karte gegenüber den USA.

Malaschenko meint, dass Russland "sehr zwiespältig agiert". Spreche Moskau als Teil der Antiterrorkoalition einerseits von der Gefahr aus diesen Ländern, nehme es andererseits doch eigene Standpunkte ein. Dies zeuge davon, dass Moskau in den islamischen Ländern eine Position ähnlich der der USA zu haben versucht. Das beste Beispiel sei die Irakfrage: "Russland wird die USA bis zum Schluss kritisieren, aber sollte es zum Krieg kommen, wird sich Russland nicht widersetzen."(DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2003)

Eduard Steiner aus Moskau
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