Eine Reise in die Wiener Gaunersprache

6. Februar 2003, 19:55
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Ilse Aichinger geht zum 58. Mal auf unglaubwürdige Reisen

Die kürzeste Reise ist die ins "Tschecherl", kleine Vorstadtcafés heißen immer noch so. Aber nicht jedes kleine Café ist ein Tschecherl und kann auf das Wiener "Wirtshaus zum linken Schächer" zurückgreifen, "wo der Wein gut war". Deshalb gingen die Wiener "zu die Schächer", und ein Säufer hieß Tschecherant, schreibt Peter Wehle in Die Wiener Gaunersprache 1977.

"Tschoch" heißt zwar noch immer "Schwerarbeit". Ein "Tschocherer" aber war ein Einbruchsgerät, das beim Einbruch zur Verlängerung des Unterarms diente. So erklärte es der Oberkellner einer Wiener Nobelbar. Weitere Auskünfte konnte Peter Wehle nicht mehr erhalten, "denn eine Stunde, nachdem wir uns getrennt hatten, war er in einem Naschmarkt-Kaffee von einem eifersüchtigen Rivalen erstochen worden". Und vielleicht, so Wehle, "wäre dieses Buch über die Gaunersprache nie geschrieben woren, wenn ich nicht am Abend vorher so lebensrettend müde gewesen wäre!"

Weniger Todesmut verlangen gezielt im Milieu von Kriminalinspektoren erstellte Untersuchungen wie Die Wiener Gauner-, Zuhälter- und Dirnensprache von Albert Petrifkovits: "Als Quellen, aus denen geschöpft wurde, kamen die Verhöre und Gespräche der Kriminalbeamten und des Verfassers mit Verbrechern, Zuhältern und Dirnen, Kerkerinschriften seit 1805 in Betracht."

Die Herren, denen hier 1922 gedankt wird, Kriminaloberkommissare und Bezirksinspektoren, sind längst aus dem Amt. Die Sprache ihrer Nachfolger wird sich kaum ändern. Aber die Gaunersprache wird täglich neue Übersetzungen finden: "Bazzerl" kommt vom arabischen "Bazzi" und "Schmier stehn" für "Aufpassen" aus dem Jiddischen.

Wendungen wie "si hamdrahn" für "Selbstmord" versteht inzwischen fast jeder, vor allem, wenn er in Wien wohnt und deshalb öfters über das Thema nachdenken kann. "Aus dem Jiddischen bezogen die Herren Gauner zwar viele ihrer Vokabeln und Redewendungen, aber sie bedienten sich - auch sprachlich -, wie es kam", schreibt Peter Wehle:

"Sie nahmen Wörter aus verschiedenen Fremdsprachen, sie übernahmen Zigeunerwörter, und bei einigen Bildungen kann man heute nicht mehr sagen, woher sie genommen worden sind. Aus diesem Bestand entwickelten sie ihre Geheimsprache, das Rotwelsch." Soll nun das alte Rotwelsch wirklich vor dem totalen Vergessen bewahrt werden? Welche Reisen sind nötig, um es lebendig zu halten und auch dabei noch lebendig zu bleiben? Oder sollte man es in Frieden, "ang'schwollen", hinüberwechseln lassen? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2. 2003)

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