Künstliche Muskeln mit Fehlfunktion

6. Februar 2003, 19:07
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Isabella Reicher

Wien - Die Anti-Hippokraten sind zurück. Seine Leinwandpremiere feierte der zwielichtige Mediziner-Geheimbund in Stefan Ruzowitzkys Anatomie (2000), der sich an der damals grassierenden Teenage-Slasher-Mode und Filmen wie Scream orientierte und an der medizinischen Fakultät einer beschaulichen Universitätsstadt eine gruselige Mordserie veranstaltete.

Für das Comeback hat der Regisseur und Drehbuchautor in Anatomie 2 den Schauplatz und das Personal gewechselt und auch den Genrerahmen ein wenig stärker in Richtung Krankenhaus-Thriller verschoben. Das erinnert entfernt an Klassiker wie Coma (1978) von Michael Crichton oder zuletzt etwa Extreme Measures (1996) mit Gene Hackman und Hugh Grant.

Quasi als Nachfolger von Franka Potente - die in Anatomie 2 fürs BKA ermittelt - tritt nun der hemdsärmelige Arztanwärter Jo (Barnaby Metschurat) auf dem weitläufigen Areal eines Berliner Großklinikums sein Praktikum an. Ein Bilderbuch-Jungmediziner aus dem Ruhrpott mit hehren Idealen und einem persönlichen Interesse an medizinischer Forschung - sein Bruder leidet an Muskelschwund. Fürs Erste muss er sich allerdings dem wenig glamourösen Alltag des Spitalsbetriebes stellen - anders als jene Gruppe von Kolleginnen und Kollegen, die mindestens halbgottgleich in gestärkten Kitteln mit ihrem Mentor Dr. Müller-LaRousse (Herbert Knaup) durch die Gänge schreitet.

Anfangs sind diese beiden Welten streng voneinander getrennt. Erst eine buchstäbliche Grenzüberschreitung - Jo bewährt sich als Vollblutmediziner, als er verbotenerweise eine lebensrettende Maßnahme für eine kleine Patientin setzt - öffnet den Zugang zum Zirkel der Auserwählten.

Nach markigen Grundsätzen wie "Mach das Machbare!" oder "Regeln sind für Schwache!" arbeitet die Elite, angetrieben und angeleitet von Müller-LaRousse, natürlich längst an der Entwicklung künstlicher Muskeln. Getestet wird im Selbstversuch. Das bietet dem Film Gelegenheit zu anschaulichen Exkursen unter die Haut. Die auftretenden Schmerzen und Nebenwirkungen werden mit reichlich Tabletten unter Kontrolle gehalten. Dafür - und für ein bisschen schweißtreibende Erotik - ist die kühle Viktoria (Heike Makatsch) zuständig.

Aber dieses geschlossene Universum der Medizinerelite, die sich per Operation zum Bodybuilder und Übermenschen stählt, wirkt nicht nur im Krankenhausumfeld selber wie ein künstliches Implantat.

Auch die Filmerzählung scheint hin- und hergerissen zwischen den dazugehörigen Oberflächenreizen - der Chic des metallenen OP-Saal-Inventars, die stilvoll eingefärbten Designer-Ärztekittel, die blutigen Schockmomente - und den Elementen eines Verschwörungsplots (wem kann Jo noch trauen?).

Mit der Zeit rücken Erstere immer stärker in den Vordergrund. Die gefallene Anti-Hippokraten-Hybris findet schließlich in Bildern der verbliebenen, von Drogenkonsum gezeichneten und ausgebrannten Jungmediziner ihre eher lächerliche Entsprechung. Dem jungen AIPler mit Herz kommen seine Kontakte zum philippinischen Pflegepersonal zugute, das dem "bösen Implantat" entschlossen zu Leibe rückt.

Und dem Publikum bleibt der Eindruck einer kruden Mischung ohne Überzeugungskraft. Jetzt im Kino

Skrupellose Mediziner und ihre schaurigen Selbstversuche stehen im Mittelpunkt von Stefan Ruzowitzkys "Anatomie 2" - einem etwas unausgegorenen Krankenhaus-Thriller mit Splattereinlagen.
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