Ein Manifest der Leere unter der vollen Stadt

6. Februar 2003, 22:44
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Unter der Mariahilfer Straße und unter dem Gürtel gibt es Tunnel, die brach liegen

Wien - Es sei, erklärte Florian Haydn danach, beeindruckend gewesen. Schließlich hatte er bisher nur das Gerücht gekannt. Jenes von den "geheimen" Tunnels unter dem Gürtel. Oder den Höhlen zwischen der Oberfläche der Mariahilfer Straße und der U-Bahn. Oder den ungenutzten Hallen zwischen U-Bahnstationen und darüber errichteten Häusern. Jahrelang und immer wieder hatte er davon gehört: Dort gewesen war aber nie jemand.

Irgendwann hat es dem jungen Wiener Architekten dann gereicht. Er bearbeitete die Wiener Linien. So lange, bis man ihn in die modernen Katakomben ließ.

Haydns argumentativer Trumpf: Im Auftrag der EU und der TU-Berlin arbeitet er an einer europaweiten Webplattform über temporäre urbane Räume. Diese Woche war es dann so weit: Hinter einer kleinen, unauffälligen Tür in der U3-Station Neubaugasse eröffnete sich eine dem Großteil der Stadt völlig unbekannte Welt - unmittelbar neben/ unter/über einer der dichtestbevölkerten Zonen der Stadt.

Denn bei der Errichtung der U3 in der Mariahilfer Straße hatte man den Raum zwischen den Schlitzwänden und über der U-Bahn nicht wieder zugeschüttet, sondern - zwischen den Stationen Neubau-und Zieglergasse - eine Betondecke eingezogen: Ein langer Gang. So unbenutzt, dass jeder Schritt Spuren hinterlässt, die so einsam daliegen wie die ersten Fußabdrücke auf dem Mond.

Der Mariahilfer Canyon

Zwischen Neubaugasse und Westbahnhof gibt es keine Decke: Wie durch einem Canyon rattern die Züge unter einem schmalen Steig dahin. Zwischen den Querträgern malen ihre an die Unterseite des Straßenbelages geworfenen Lichter gespenstische Muster. Nur ein, zwei Mal pro Jahr werden die von einem Wiener Linien-Mitarbeiter auf Kontrollgang gesehen.

Nicht selbst begehen konnte Haydn die legendärsten Tunnels. Die unter dem Gürtel nämlich: Der Schlüssel des Wiener Linien-Mitarbeiters passte nicht zur Tür zu jenen beiden Straßentunnels, die jeweils so breit sind, wie die parallel über ihnen führenden Gürtelrichtungsfahrbahnen: Für den Fall, dass irgendwann einmal die Mariahilfer Straße - etwa wie der Matzleinsdorfer Platz - unterquert werden sollte, wurden die Röhren gleich mit der U-Bahn errichtet. Was fehlt sind "lediglich" die Auf- und Abfahrten.

Imposanten Höhlen

Genutzt wird keine der imposanten Höhlen. Auch nicht jene, die - angeblich als Tiefgarage geplant - über der U3-Station Hütteldorfer Straße brach liegt. "Für mich sind das Manifeste der Leere", erklärte der Architekt nach seinem Rundgang. Die Räume würden den Besucher "animieren und inspirieren", was "der Leere zumindest eine temporäre Funktion" gäbe. Dass eine handfeste Nutzung - sei sie nun kommerziell oder kulturell - mit einem so hohen Aufwand (Notausgänge, Zugänge oder Lüftung) verbunden wäre, dass sie derzeit von niemandem angedacht werde, stört Haydn nicht: "Man muss nicht alles funktionalisieren." Obwohl: "Es wäre natürlich von der Idee her sehr reizvoll, eine alternative Route unter der Mariahilfer Straße zu schaffen." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 7.2.2003)

Unter der Mariahilfer Straße und unter dem Gürtel gibt es Tunnel, die beim U-Bahnbau entstanden und seither brach liegen. Ein Wiener Architekt und der Standard konnten einen der raren Blick in diese menschenleeren Orte in einer der dichtesten Zone der Stadt werfen.

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