"Wir wollen das Leben zeigen"

6. Februar 2003, 18:53
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In Polen soll ein Museum der 1000-jährigen Geschichte der Juden entstehen

Berlin - "Über den Tod wissen wir relativ viel. Wir wollen das Leben zeigen - die lange Geschichte eines lange existierenden Volkes", sagt Wladyslaw Bartoszewski. In Berlin warb der frühere polnische Außenminister am Mittwochabend für ein historisches Projekt: Dort, wo die Juden sich 1943 zum Aufstand im Warschauer Getto erhoben und die Deutschen den "jüdischen Wohnbezirk" dem Erdboden gleichmachten, soll für etwa 60 Millionen Euro ein Museum der 1000-jährigen Geschichte der Juden in Polen entstehen.

"Die heutige Stadt Warschau wurde auf Ruinen errichtet. Wenn man gräbt, findet man immer etwas", sagt Planungsdirektorin Ewa Junczyk-Ziomecka. Sie berichtet von archäologischen Ausgrabungen auf dem Grundstück neben dem Denkmal für das Warschauer Getto, wo der frühere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt 1970 bei einem Besuch auf die Knie fiel: "Wir haben Nähmaschinen gefunden, mit denen die Besitzer im Getto ein bisschen länger leben konnten, weil sie Arbeit hatten. Und wir haben Flugblätter ausgegraben. Sie haben keinen besonderen historischen Wert, aber für uns war das ein sehr emotionaler Moment, wie ein Zeichen von der früheren Generation."

Gewachsenes Interesse

Das 13.000 Quadratmeter große Grundstück ist ein Geschenk der Stadt Warschau an den Museumsverein, die Grabungen sind gesetzliche Auflage. Bis der Grundstein gelegt werden kann, wird noch mindestens ein Jahr ins Land gehen, mit der Öffnung des Museums rechnet niemand vor 2006. Unterdessen ist in Polen das Interesse der jungen Generation an den polnischen Juden - vor dem Zweiten Weltkrieg waren es mehr als drei Millionen Menschen, die die Geschichte Polens entscheidend mitgeprägt haben - offenbar stark gewachsen.

"Jedes Jahr erscheinen mehr als 100 Bücher über Juden in Polen. Ich würde sagen, dass Einstellungen und bestimmte Klischees sich hier sehr verändert haben. Früher dachten die Polen, dass nur die Deutschen die Juden verfolgt hätten", sagt der polnische Historiker und Journalist Marian Turski, der gemeinsam mit Experten aus Israel und den USA an den Planungen für das Museum beteiligt ist. In der Zeit des Kommunismus seien antisemitische Äußerungen unterdrückt worden. "Wenn die Leute ihre Ansichten verstecken müssen, vergraben sie sie sehr tief", sagt Turski. Seit 1989 gebe es immer wieder offen antisemitische Äußerungen, aber auch Gegenreaktionen.

Sammlung

Schüler hätten sich schon an sie gewandt, weil sie wissen wollten, "wie die Juden eigentlich aussehen", berichtet Junczyk-Ziomecka. Für die Datenbank des geplanten Dokumentationszentrums sind mehr 40.000 Objekte gesammelt worden, darunter Fotografien, Gemälde, Flugschriften, Visitenkarten und das Untergrundarchiv des Historikers Emanuel Ringelblum.

Im In- und Ausland wird das Projekt unter der Schirmherrschaft des polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski, des früheren deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog und des früheren israelischen Ministerpräsidenten Shimon Peres von vielen Seiten finanziell und ideell unterstützt. Für das Design des Museums konnte der amerikanische Architekt Frank Gehry gewonnen werden, der unter anderem das Guggenheim Museum in Bilbao und das Bürogebäude der DG Bank in Berlin entworfen hat. Moderne Multimedia-Technik soll den Besuchern eine Zeitreise zu den Juden im "Stetl" des Mittelalters, der Großstadt des 19. Jahrhunderts oder ins Getto des 20. Jahrhunderts ermöglichen.

Sammeln in den USA

Projektleiter Jerzy Halbersztadt sagte am Mittwoch seine Teilnahme an der Veranstaltung in Berlin ab, um stattdessen in Los Angeles Werbung für das Museum zu machen. Der frühere deutsche Botschafter in Polen, Franz Bertele, berichtete, er habe in Deutschland nicht mehr als eine Million Euro zusammenbekommen, auch weil viele deutsche Firmen sich schon an der Zwangsarbeiterentschädigung beteiligt hätten. "Deutsche Spenden sind weiterhin erwünscht, aber das meiste Geld muss wohl aus den USA kommen", sagt Bertele.

Die Juristin Junczyk-Ziomecka setzt dabei vor allem auf eine Gruppe amerikanischer Juden polnischer Herkunft, die im Frühling zum 60. Jahrestag des Getto-Aufstandes im April 2003 nach Warschau eingeladen werden sollen. "Wir hoffen, dass diese Gruppe mit konkreten Angeboten kommt, und dass es dann auch konkrete Angebote der polnischen Regierung für die Baukosten gibt." Die Regierung in Warschau habe das Projekt immer unterstützt - aber bisher, ohne Zahlen zu nennen.

"Vergangenheit mit offenem Ende"

Nach der Öffnung des Museums rechnen die Planer mit etwa 250.000 Besuchern im Jahr, darunter viele junge Israelis, Amerikaner und Deutsche. "Viele von ihnen sehen heute in Polen nur die Todeslager und in Warschau vielleicht das Getto-Denkmal und den früheren Umschlagplatz, und das war's. Wir wollen ihnen zeigen, wer die Juden waren und wie sie gelebt haben", sagt Juncyk-Ziomecka. Dabei gibt es keinen Schlussstrich nach dem Zweiten Weltkrieg, denn auch das Leben der kleinen jüdischen Gemeinden, die heute in Polen wieder existieren, gehört dazu: Eine "Vergangenheit mit offenem Ende", wie die Museumsplaner es nennen. (APA/AP)

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