Einmal Ägypten, hin und zurück

6. Februar 2003, 18:34
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Martin Kusej inszeniert in Stuttgart Händels "Giulio Cesare"

Stuttgart - Giulio Cesare in Egitto ist wohl deshalb eine der meistgespielten Händel-Opern, weil sie eine der delikatesten Techtelmechtel der Weltgeschichte thematisiert und der verhandelte Nilausflug des römischen Herrschers in einer Zeit stattfand, in der Beistand zwischen Reichen noch mit Beischlaf zwischen deren Herrschern korrespondieren konnte. Vor allem, wenn sie es darauf anlegte, Cleopatra hieß und auf einflussreiche Römer stand.

In den Arien und Duetten werden indes vor allem Gefühle, Machtgelüste, Trauer, Sehnsüchte und Enttäuschungen ausgedrückt. "Gehandelt" wird da allenfalls rezitativisch. Wenn Cäsar in Ägypten ankommt und ihm der Kopf seines zwar besiegten Rivalen, aber doch auch potenziellen Verbündeten Pompeius als übereifriges Begrüßungsgeschenk vor die Füße gelegt wird. Wenn dessen Sohn Sextus diesen politischen Mord rächen will und die Witwe Cornelia obendrein ins Visier der Gelüste der Mörder ihres Mannes gerät.

Da das Stuttgarter Opernhaus Martin Kusej dieses barocke Ägyptenticket in die Hand drückte, verhieß das allemal die Aussicht auf eine delikate Reiseerfahrung. Dabei rausgekommen ist jedoch eine Pauschalreise, die sich als Abenteuerurlaub ausgibt. Dabei ist die rahmende Idee schlüssig. Die acht Protagonisten, exaltiert kostümiert, verschwinden auf geheimnisvolle Weise noch vor dem Beginn der Musik in einem Fotoautomaten.

Mit deren Einsetzen dann wird eine riesige Blackbox sichtbar, unter der sich eine 20-stufige Pyramide verbirgt. Martin Kusejs Reise nach Ägypten wird so zu einer Reise zu sich selbst, bei der die Protagonisten in die berühmte Macht- und Intrigengeschichte nach und nach äußerlich und innerlich hineingezogen, nur gelegentlich verstört und am Ende - wohl um einige Selbsterkenntnisse reicher - mit den Abzügen ihrer Passbilder aus dem Automaten in der Hand wieder entlassen werden. Doch bleibt das eine ambitionierte Rahmenbehauptung, deren ästhetisierende Ausführung sich wie Olaf Altmanns Drehbühnengeometrie doch vor allem um sich selbst dreht. Gelegentlich hübsch dekoriert: mit Damenschuhen für die Gelüste des Ägypterkönigs oder mit Cleopatra als güldenem Luxussouvenir mit exotischer Riesenschlange obenauf.

Kusej zieht einer möglichen politischen Dimension dieser Begegnung der Kulturen die kühl ästhetische Beziehungsanalyse vor. Er bleibt aber der Bühnenhelligkeit die Opulenz schuldig und der Selbsterkenntnis den Biss.

Und den liefern letztlich dann auch der Dirigent und Barock-Altmeister Raymond Leppard und das Staatsorchester nicht nach, denn da wird mehr wohltemperiert und gleichförmig geplaudert, als berührend aufgewühlt musiziert. Mit einem respektablen hauseigenen Stuttgarter Ensemble, aus dem Catriona Smiths müheloser Koloraturenreiz als Cleopatra und Claudia Mahnkes jugendlicher Sextus herausragten.
(DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2003)

Von Joachim Lange
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