Service für die "Ich-Baustelle"

28. April 2004, 13:50
posten

Der Trend hin zum Coaching hält an. Doch auch hier gibt es Grenzen: Nicht jeder Kunde ist ein Coaching-Typ. Nicht jedes Unternehmen hat - speziell in Krisenzeiten - den nötigen finanziellen Atem und die Geduld. Und auch ein Coach sollte seine Grenzen erkennen.

"In unserer Gesellschaft wird ja schon jeder Mensch als Ich-Baustelle gesehen." Und da gehöre Coaching mittlerweile einfach dazu, "wie das Autoservice", sagt Johannes Steyrer - Coach, Psychotherapeut und Professor für verhaltenswissenschaftlich orientiertes Management an der WU Wien.

Auch bei der Weiterbildung der WU-Mitarbeiter setzt er auf Coaching: "Über individuelle Angebote kann man viel mehr in Bewegung setzen als in Führungsseminargruppen", so Steyer. Die 180 Führungskräfte der WU erhalten Schecks für externe Coachings. Ergänzt wird diese individuelle Betreuung durch Systemcoachings von Gruppen und Abteilungen.

Vielfältige Ansätze

Keine Frage, nicht nur an der WU ist die Coachingmethode im Kommen. Sofern man von einer Methode sprechen kann. Denn die Ansätze sind vielfältig. Eines haben sie gemeinsam: "Im Coaching arbeiten wir daran, den Kunden auf neue Perspektiven aufmerksam zu machen", erklärt Martin Röhsner vom Consulting- und Coachingunternehmen "die Berater". Die Lösungen kommen dann aber vom Kunden selbst.

Abgesehen davon unterscheiden sich die verschiedenen Coachingangebote stark, was Dauer des Prozesses und Ausrichtung betrifft. Auch die Anzahl macht die Auswahl nicht leichter: Coaching ist ein freies Gewerbe, und mittlerweile gebe es "Coachs wie Sand am Meer", warnt Claudia Daeubner. Sie hat sich auf Executive Coaching der Topmanager spezialisiert. "Dafür muss ich die Welt der Manager kennen und verstehen." Zeichen für die Qualität eines Coachs ist für sie auch die Spezialisierung auf eine Zielgruppe oder eine thematische Einschränkung. Beispielsweise würde sie Fragen zur Balance von Privatleben und Beruf an "Life-Work-Balance-Coach" abgeben. "Was aber leider viele nicht tun. Obwohl das so ist, als ob Allgemeinmediziner an einer Herzoperation herumdoktern", so Daeubner. Achten sollten Kunden auf die Ausbildung des Coachs, auf seinen Ruf und auf den Eindruck im Erstgespräch, welches bei seriösen Anbietern meist gratis ist.

Kein Allheilmittel

Coaching hilft auch nicht jedem Kunden: "Es müssen Persönlichkeiten sein, die gewohnt sind, etwas zu verändern, die Handlungen setzen wollen", sagt Röhsner. Wer Rat von außen sucht, wäre "mit einer Beratung besser dran". Grenzen des Coachings sieht Röhsner auch dort, wo Führungskräfte ihre Mitarbeiter selbst coachen: "Unabhängigkeit und Verschwiegenheit sind Vorbedingungen für den Erfolg. Personalisten sind aber Teil des Unternehmenssystems." Vor ihnen verberge man Schwächen eher, als dass man sie ausspräche.

Für Andrea Hartlauer, die ehemalige Bereichsleiterin für Flugbegleiter der Austrian Airlines, ist diese Grenze nicht so eindeutig zu ziehen. Sie hat ihre Mitarbeiter - 18 Führungskräfte und 1400 Flugbegleiter - auch gecoacht. Und ambivalente Erfahrungen gemacht: "Einerseits ist das ein großes Plus für das Unternehmen, wenn man weiß, was läuft. Und wenn Führungskräfte einmal einfach zuhören." Andererseits aber sind weder Coach noch Coachee gänzlich unbelastet. Und speziell in Krisenzeiten gehe das Vertrauen verloren. In der Flugbranche also seit dem 11. September, meint Hartlauer: "Da hat die Unsicherheit begonnen; das Misstrauen wurde zur Grundhaltung." Dazu kommt, dass in Krisenzeiten eher schnelle Lösungen präferiert werden. Ein widersinniger Reflex, denn gerade dann wäre Zielarbeit wichtig. Aber "innezuhalten, wie es für einen Coachingprozess notwendig ist, gestaltet sich da als schwierig", so Hartlauer.

Vorsicht ist bei persönlichen Problemen der Kunden geboten: Wer Symptome von Depression und Burnout aufweist, gehört nicht zum Coach, sondern zum Therapeuten. Denn dafür "reicht die klassische Coachingausbildung nicht aus", so Steyrer. (DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.2.2003)

Heidi Weinhäupl
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Coachs gibt´s wie Sand am Meer. Gute sollen neben Chance auch Grenzen erkennen. So wie Abfahrtscoach Robert Trenkwalder mit seinen Schützlingen Trinkl und Eberharter.

Share if you care.