EZB tastet Zinsen nicht an

6. Februar 2003, 15:13
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Bank of England senkt überraschend - Zinssenkungserwartung für Euroraum greift um sich

Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen am Donnerstag wie erwartet unverändert gelassen. Immer mehr Analysten rechnen aber damit, dass trübe Konjunkturaussichten als Folge eines Irak-Krieges und ein deutlicher Rückgang der Inflation die Notenbank in den kommenden Monaten zu einer weiteren Zinssenkung veranlassen werden. Die Bank von England (BoE) hatte zuvor überraschend den Schlüsselzins auf das niedrigste Niveau seit 1955 gesenkt und dies unter anderem mit trüben Aussichten für die weitere Konjunkturentwicklung begründet. Der Leitzins wurde um 25 Basispunkte auf 3,75 Prozent reduziert.

In der Eurozone liegt der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken maßgebliche Schlüsselzins weiterhin bei 2,75 Prozent, teilte die EZB nach ihrer heutigen Ratssitzung in Frankfurt mit. Die Zentralbank begründete die Entscheidung zunächst nicht und verwies auf die Pressekonferenz mit EZB-Präsident Wim Duisenberg ab 14.30 Uhr MEZ. Die Finanzmärkte achten nun darauf, ob Duisenberg ein Signal für eine bevorstehende Zinssenkung gibt.

Konjunkturelle Belebung bis zum Jahresende erwartet

Die Notenbank hatte erst im Dezember die Leitzinsen um 50 Basispunkte gesenkt, weil sie einen Rückgang der Inflationsrate in diesem Jahr unter die Grenze von 2 Prozent erwartet, womit nach ihrer Definition Preisstabilität gewährleistet ist. Im Jänner verlangsamte sich die Jahresteuerung nach ersten Schätzungen auf 2,1 Prozent von 2,2 Prozent im Dezember.

Die EZB erwartet zudem trotz vieler Abwärtsrisiken eine konjunkturelle Belebung bis zum Jahresende. Doch viele Volkswirte bezweifeln, dass sich dieses Szenario bewahrheitet, denn der drohende Irak-Krieg sorgt für hohe Verunsicherung und drückt die Stimmung an den Finanzmärkten ebenso wie in der gesamten Wirtschaft.

Starker Euro dämpft Preisniveau

Sollte sich der Euro außerdem nach seinem raschen Anstieg in den vergangenen Monaten auf einem Niveau nahe 1,10 Dollar halten, würde er zusätzlich zur schwachen Konjunktur das Preisniveau dämpfen.

Nur wenn die Irak-Krise in den kommenden Wochen gelöst werde, könnte der erhoffte Aufschwung in Gang kommen, sagte Otmar Lang, Volkswirt bei der Deutschen Bank. Denn dann würden die Ölpreise rasch sinken und Unternehmen wie Verbraucher wieder mit mehr Zuversicht wirtschaften. "Die EZB wird die Zinsen dann wahrscheinlich nicht senken." Doch wenn es zu einem lang andauernden Krieg und womöglich Terroranschlägen kommen sollte, werde die Stimmung erneut einbrechen und eine weltweite Rezession drohen. "Dann würde die EZB schnell handeln und die Zinsen senken, aber das ist bisher nicht absehbar."

Analysten erwarten Zinssenkung

Die Erwartungen der Analysten haben sich in den vergangenen Wochen deutlich in Richtung einer Zinssenkung verschoben. So ging bei der jüngsten Reuters-Umfrage unter gut 50 Bankvolkswirten nur noch jeder Vierte davon aus, dass der Leitzins nach der Senkung im Dezember mit 2,75 Prozent seinen Tiefpunkt erreicht hat - einen Monat zuvor war es noch jeder Zweite. Die übrigen Befragten rechnen mit einer Zinssenkung im März, April oder Mai. Auch der Geldmarkt stellt sich bereits auf Zinssenkungen um einen halben Prozentpunkt ein.

Grund für die wachsende Gewissheit, dass die EZB die Zinsschraube weiter lockern wird, ist die Nervosität angesichts eines drohenden Irak-Krieges. Schon allein die Aussicht auf einen Krieg hat in den vergangenen Wochen zum Anstieg der Ölpreise beigetragen und eine kräftige Aufwertung des Euro zum Dollar ausgelöst. An den Frühindikatoren für die Euro-Zone ist bisher noch kein Aufschwung, sondern allenfalls ein Ende des Abschwungs zu erkennen.(APA/Reuters)

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