Tief in das NS-System verstrickt

7. Februar 2003, 18:05
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Neue Publikation belegt Rolle der Mediziner der Grazer Universität in der NS-Zeit

Graz - Die Mitarbeiter der Medizinischen Fakultät der Grazer Universität waren in den Jahren 1938 bis 1945 teils tief in das NS-System verstrickt. Das belegt eine Publikation des Archives der Universität, die die Kurzbiografien aller 326 Mitarbeiter der Fakultät zwischen 1938 und 1945 enthält. "Rund die Hälfte der Fakultätsangehörigen waren Mitglieder der NSDAP, jeder sechste gehörte der SA und jeder zehnte der SS an", so Autorin Petra Scheiblechner im Gespräch. Einige von ihnen findet man in den 50er Jahren als Leiter von Sanatorien wieder, sie führten Arztpraxen oder lehrten auch wieder an österreichischen Universitäten.

Die Rolle der Mediziner der Grazer Universität bleibt nicht länger im Dunkeln. Dafür sorgt eine Arbeitsgruppe unter der wissenschaftlichen Leitung des Universitätsarchivars Alois Kernbauer. In der jüngsten, von Petra Scheiblechner vorgelegten Publikation traten nun heikle Daten zu Tage. In ihr werden erstmals in kurzen biografischen Notizen die persönlichen Lebensdaten, Informationen zum akademischen Werdegang, Auszeichnungen und Mitgliedschaften aufgelistet - wobei die Liste der Mitgliedschaften in der NSDAP und ihren Teilorganisationen oft länger ist als jene in wissenschaftlichen Gesellschaften.

Einige Überraschungen

"Ziel der Forschung war, eine quellenmäßig verlässliche Grundlage für weitere Untersuchungen zu schaffen", so Kernbauer. Während es beispielsweise schon bekannt war, dass die Gynäkologische Klinik besonders viele Nationalsozialisten beheimatet hatte, gab es für die Wissenschaftler einige Überraschungen: "Erstaunt waren wir beispielsweise, wie unterschiedlich sich die Verteilung von Mitgliedern der NSDAP und NS-Teilorganisationen gestaltete. Während beispielsweise an der Chirurgischen Klinik von den 42 Mitarbeitern 20 der NSDAP, sieben der SA und neun der SS angehörten, sind an der Kinderklinik zwar 11 von 17 Mitarbeitern in der NSDAP, aber 'nur' zwei Personen gehörten der SA an", so Scheiblechner.

Die akribische Faktensammlung, die Scheiblechner nun auf rund 300 Seiten vorgelegt hat, basiert auf Quellen im Universitätsarchiv, im Landesarchiv und dem Bundesarchiv Berlin. "Der Berliner Forschungsaufenthalt war sehr hilfreich, weil damit viele Dementi der Mediziner widerlegt werden konnten", so die Historikerin. "Eine Diskussion, ob jemand Parteimitglied war oder nicht, gibt es jetzt nicht mehr. Das kann jetzt alles schwarz auf weiß belegt werden", so Kernbauer. Weniger kooperativ zeigte man sich von Seiten der Ärztekammer, deren Archive letztlich doch nicht nicht verwendet wurden: "Wir hätten das Archiv einsehen können, hätten aber nichts publizieren dürfen", so Scheiblechner.

Frage nach Handlungsspielraum

Die Fakultät hat im Zuge der Entnazifizierung 29 Professoren und Dozenten wegen intensiver Mitwirkung am Nationalsozialismus entlassen, ein Teil blieb aber auch an der Universität. "Schon ab den späten 40er Jahren fand aber so gut wie keine weitere offizielle Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Mediziner mehr statt", so Kernbauer. So ergeben sich aus den vorliegenden Fakten für Scheiblechner und Kernbauer eine Reihe von Fragen, die man in weiteren Forschungsarbeiten klären will: Wie groß war der Handlungsspielraum des Einzelnen in seiner Entscheidung, wer gehörte zur "pressure group" zu Gunsten des NS-Regimes, welche Beziehungen bestanden zu anderen wissenschaftlichen Institutionen und wie arbeiteten die Medizinische Fakultät und die SS-Ärztliche Akademie, die im Jahr 1940 von Berlin nach Graz verlegt wurde, zusammen. (APA)

Petra Scheiblechner. "...politisch ist er einwandfrei", Band 39 der Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz, 312 Seiten, Akademische Druck und Verlagsanstalt Graz 2003, 42 Euro
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    Das Organisationsbuch der NSDAP

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