Gutachter wirft Haffa falsche Zahlen vor

6. Februar 2003, 13:30
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Bei Halbjahreszahlen von EM.TV geplante Projekte mitgerechnet - Anklage sieht sich bestätigt

Die wegen Kursbetrugs angeklagten EM.TV-Gründer Thomas und Florian Haffa haben nach Aussage eines Gutachters im August 2000 überhöhte Geschäftszahlen veröffentlicht. "Die in der Ad-hoc-Mitteilung vom 24.8. veröffentlichten Halbjahreszahlen waren falsch", sagte Professor Wolfgang Ballwieser am Donnerstag vor dem Landgericht München und bestätigte damit einen zentralen Vorwurf der Anklage.

Nach allen geltenden Bilanzregeln dürften Umsätze von noch nicht fertig gestellten Filmen und Fernsehserien im Zwischenbericht nicht als Erlöse ausgewiesen werden, erklärte der Sachverständige. Die Ad-hoc-Meldung von EM.TV habe auch nicht die Vorschriften für eine einheitliche Rechnungslegung befolgt.

EM.TV hatte im August 2000 einen Anstieg des Konzernumsatzes auf damals 604 Mio. DM (309 Mio. Euro) veröffentlicht. Darin waren die Umsatzzahlen des im April übernommenen Muppet-Show-Produzenten Jim Henson enthalten. Finanzvorstand Florian Haffa hatte dabei allerdings auch noch nicht verkaufte Produktionen hinzu gerechnet.

Die Umsatzzahl sei um 30,6 Mio. Mark zu hoch gewesen, sagte Ballwieser, der an der Uni München Rechnungswesen lehrt. Nach allen Regeln "können künftig erst zu produzierende Filme keinen Umsatz begründen". Die Filme müssten fertig gestellt, vom Käufer akzeptiert und zur sofortigen Ausstrahlung verfügbar sein. Die beiden Angeklagten folgten seiner Aussage immer wieder mit Kopfschütteln.

EM.TV hatte den Zwischenbericht im Oktober 2000 nachträglich selbst korrigiert. Darauf war der Aktienkurs abgestürzt. Florian Haffa hatte vor Gericht allerdings gesagt, die Korrektur sei nur auf Druck des Controlling-Vorstandes erfolgt; er halte die ursprünglichen Zahlen nicht für falsch.

Ballwieser kritisierte auch, dass EM.TV Zahlen nach internationalen, amerikanischen und britischen Bilanzierungsregeln vermischt habe. Zahlen aus unterschiedlichen Rechnungswerken zu addieren, "gibt keinen Sinn".

Staatsanwalt Peter Noll sagte, er sehe seine Position bestätigt. "Es sieht so aus, als wären die Zahlen falsch." Thomas Haffas Anwalt, Professor Rainer Hamm, sagte dagegen, Ballwiesers Aussage sei "vorläufig eine vollkommen theoretische Äußerung". Entscheidend sei, unter welchen Umständen die Umsatzzahlen zu Stande gekommen seien.

Die Gebrüder Haffa stehen seit November unter der Anklage des Kursbetrugs und der unrichtigen Darstellung vor Gericht. Ein Gutachter hatte bereits ausgesagt, es sei nicht nachzuweisen, dass der Halbjahresbericht den Aktienkurs direkt beeinflusst habe. Für eine Verurteilung wegen Kursbetruges wäre dieser Nachweis einer absichtlichen und erfolgreichen Manipulation erforderlich. Staatsanwalt Noll schloss ein weiteres Gutachten nicht aus. "Bei dem Gutachten zur Kursrelevanz ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", bekräftigte er am Donnerstag. (APA/AP)

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