Die lange Weile

7. Februar 2003, 18:15
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Mit ihrem vierten Album "100th Window" scheitern die Briten Massive Attack an den hohen Vorgaben ihrer früheren Werke

Umringt von Kerzen bietet Robert Del Naja Tee an. Er erkundigt sich höflich nach persönlichem Befinden und entschuldigt sich erst einmal für die Verspätung: "I was under the influence, you know." Ja, kennt man. Schon in den ersten beiden Minuten in diesem Nebenraum des Studios von Massive Attack, in Bristol, wird klar, dass man mit diesem sympathischen Gegenüber lieber über Allerweltsthemen reden möchte, als über 100th Window, das neue Album von Massive Attack. Denn dieses - bleiben wir so höflich wie sein Schöpfer -, enttäuscht. Massive Attack haben ihre Hörer mit ihren bisherigen Alben nämlich ziemlich verwöhnt - und verwöhnte Menschen neigen bekanntlich dazu, undankbar zu sein. Tatsächlich lag die Latte für Del Naja gefährlich hoch. Denn Massive Attack gelten in einem Genre, das im Laufe der Zeit zur akustischen Dekoration verkommen ist, als verlässliche Ausnahmeerscheinung: im TripHop. Del Naja: "Die größte Herausforderung ist, die Musik zugunsten von Spannung und Tiefe gegen die Gefahr bloßer Präsentation technischer Möglichkeiten ohne Tiefgang auszubalancieren." Allerdings.

Der Mittdreißiger Robert Del Naja alias 3 D ist Gründungsmitglied von Massive Attack. Jener Band, die 1991 mit dem Album Blue Lines eine der wichtigsten Arbeiten der 90er-Jahre vorgelegt hat. Eine Verdichtung von Dance-Music unter Berücksichtigung der Ästhetik von Dub und HipHop. Den emotionellen Input verstärkten ausgesuchte Stimmen wie die des Reggae-Sängers Horace Andy oder Tracey Thorn von Everything But The Girl. Zusammen mit Tricky, der ebenfalls aus dieser "Wild Bunch" genannten Keimzelle stammt, und Portishead aus der Nachbarschaft, stehen Massive Attack im TripHop für vertonte (menschliche) Abgründe, während sich die große Mehrheit der auf diesem Gebiet arbeitenden Klangformer bekanntlich an harmlosen Coffee-Table-Sounds versucht. Mezzanine aus 1998 bestach schließlich durch die Hereinnahme von groben Gitarrenriffs, die Stücken wie Angel zusätzliche Wucht verliehen. In der Zeit nach Mezzanine überwarf sich Del Naja mit Adrian "Mushroom" Vowles und Grant Marshall alias Daddy G war zur Produktionszeit von 100th Window in der Babypause. Del Naja: "Mezzanine empfand ich als zu kalt und eindimensional, zu linear und berechenbar. Auf ruhigere Abschnitte folgte ein lauter Gitarrenausbruch, dann wurde es wieder leiser und so weiter. Auf 100th Window tauchen weniger spektakuläre Sounds auf, stattdessen habe ich versucht, die bestehenden zu intensivieren."

Dieser Versuch offenbart sich als zähes Amalgam aus Basslinien, detailverliebten elektronischen Sounds, verlorenen Stimmen wie der von Sinéad O'Connor und an kurzer Leine gehaltenen Gitarren. Die Ergebnisse klingen - erwartungsgemäß - düster und intim. Del Naja: "Düster ist ein häufig verwendeter Begriff. Metal-Bands gelten als düster und eine Witzfigur wie Ozzy gilt als ,Fürst der Finsternis'. Das relativiert schon einiges. Ich empfinde Erscheinungen wie Britney Spears als die wirklich dunklen Gestalten unserer Zeit - wenn wir jetzt von Musik sprechen: That shit is dark! Britney, die Prinzessin der Finsternis! Ich hasse diesen Scheiß. Diese Happy Music ist so verlogen."

Hier folgt ein kurzer Ausbruch von umgangssprachlichen Kraftausdrücken, für die sich Del Naja anschließend entschuldigt. War gar nicht notwendig. Schließlich kann man nachvollziehen, dass einem früheren Punk bei Barbie-Pop die Impfungen aufgehen. Del Naja: "Die Umarmung von Britney durch Pepsi Cola nimmt heute jeder mit großem Selbstverständnis zur Kenntnis. Es geht nur noch ums Geld. Keine Inhalte außer Dollars. Wer so wie ich unter Thatcher aufgewachsen ist, und Musik immer auch als Strategie gegen solche Umstände betrachtet hat, muss sich da voller Abscheu abwenden. So betrachtet ist 100th Window ein Gegenentwurf zu etwas 'Bösem', also durchaus eine positiv positionierte Arbeit."

Trotzdem wirken die Ergebnisse austauschbar und ohne richtige Höhepunkte. Das Album erscheint, als hätte jemand Angst gehabt, in den Weiten der Soundmöglichkeiten verloren zu gehen. "Genau das ist passiert. Es gab so viel Material, dass wir - da war Daddy G noch involviert - komplett den Überblick verloren haben. Schließlich haben wir alles verworfen und neu begonnen. Von den krachigen Sounds sind wenige übrig geblieben. Damit zu arbeiten war mir zu simpel. Wir haben das auf Mezzanine ausgereizt. Wenn man die Taktik dahinter kennt, wird es langweilig. Das wollte ich vermeiden und habe versucht, durch komprimierte Stimmungen und der Auslassung herkömmlicher Songstrukturen eine neue Dynamik zu erreichen", sagt Del Naja und lächelt wieder auf seine gewinnende und bescheiden wirkende Art. Was soll man dem entgegnen? Dass 100th Window trotzdem enttäuscht, streckenweise unglaublich fad ist? Nein, dem fragenden Blick Del Najas weicht man höflich aus, spült die Antwort mit einem Schluck Tee hinunter, bedankt sich für die Audienz, wünscht alles Gute, streift noch schnell ein Allerweltsthema und entschwindet mit Handschlag durch die Tür. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2003)

Von Karl Fluch

album ab 10.2. im Handel

Massive Attack

Mi., 7.5., 20 Uhr, Linz/ Intersport Arena Linz, Auf der Gugl (Froschberg), 4020 Linz

Di., 24.6., 20 Uhr, Wien/@spark7.com, Südportalstrasse 1, 1020 Wien

Link

massiveattack.co.uk

  • 100th Window  von Massive Attack erscheint am 
 10. Februar bei Virgin
    foto: virgin

    100th Window von Massive Attack erscheint am 10. Februar bei Virgin

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