Vor 200 Jahren

6. Februar 2003, 12:14
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... ging die Geschichte des Erzstiftes Salzburg zu Ende

Salzburg - Vor 200 Jahren, am 11. Februar 1803, trat der Salzburger Erzbischof Hieronymus Franz Colloredo unter dem Druck der politischen Entwicklung im Gefolge der napoleonischen Kriege und der Säkularisation geistlicher Reichsfürstentümer als weltlicher Landesherr zurück, um sein Land dem ehemaligen Großherzog der Toskana, Ferdinand III., einem Bruder des römisch-deutschen Kaisers Franz II. zu überlassen. Er blieb jedoch geistlicher Ordinarius, Erzbischof und Metropolit, doch war mit Colloredos Resignation die über 1000-jährige Geschichte des Erzstiftes Salzburg zu Ende gegangen.

Aus dem um 700 vom Heiligen Rupert gegründeten Kloster St. Peter entwickelte sich im 8. Jahrhundert das Bistum Salzburg, in dem der Klosterabt zugleich auch bischöfliche Gewalt ausübte. Mit der Neuordnung der bayrischen Kirche durch den "Apostel der Deutschen", Bonifatius, erhielt es 739 eine feste hierarchische Gliederung. Karl der Große erhob es 798 zum Erzbistum, sein erster Erzbischof Arno gehörte zum Freundeskreis des Herrschers. Die Immunitätsprivilegien des 9. Jahrhunderts (Befreiung von der gräflichen Gerichtsbarkeit) begründeten mit der Erwerbung der Grafschaften im Stiftslande die Landeshoheit der geistlichen Reichsfürsten. Schenkungen vermehrten den Besitz des Erzstiftes, dessen Kerngebiet sich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einem reichsunmittelbaren geistlichen Fürstentum entwickelte. Bis in das 12. Jahrhundert hinein hatte sich ein großer Besitzstand ausgebildet, der aber ziemlich zerstreut war und nur langsam abgerundet werden konnte. Während des Investitutstreites regierte Erzbischof Gebhard (1060-88), der Gründer des Kärntner Landesbistums Gurk (1072) und des steirischen Benediktinerstiftes Admont (1074). Eberhard II. erwarb die Grafschaften Pinzgau und Pongau (1200-46) und errichtete die Bistümer Seckau und Lavant.

Politischer Pufferstaat

Politisch war das Erzbistum Salzburg im Mittelalter wie auch später nur ein Pufferstaat zwischen Österreich und Bayern. Der Abbau auf Salz und im späten Mittelalter auf Gold (Rauris und Gastein) wurden eifrig betrieben und trugen zum Reichtum der geistlichen Fürsten bei, die seit Ende des 11. Jahrhunderts an ihrer Stadtfestung Hohensalzburg bauten. Dem Salzburger Erzbistum unterstanden in den Alpenländern die Bistümer Trient, Brixen, Gurk, Lavant, Seckau und Passau als Suffragane. Die Erzbischöfe Leonard von Keutschach (1495-1519) und Matthäus Lang (1519-40) lagen in heftigen Kämpfen mit ihren Landständen und den Bürgern der Stadt Salzburg. Unter Matthäus drang die Reformation im Land ein, eine schwere Erschütterung brachte auch der Bauernaufstand von 1525.

Der prachtliebende und absolutistische Erzbischof Wolfdietrich von Raitenau (1587-1612) formte durch große Bauten das Stadtbild Salzburgs im Charakter des italienischen Barock. Der Salzkrieg mit Bayern führte 1612 zu seinem Sturz. Vollender seines Werkes waren die Erzbischöfe Marcus Sitticus (1612-19) und vor allem Paris Graf Lodron (1619-53). Unter Paris Lodron war Salzburg eine Insel des Friedens in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges. Er gründete die bis 1810 bestehende Salzburger Universität (Alma Mater Paridiana), vollendete den Bau des frühbarocken Salzburger Domes (Weihe 1628) und baute Hohensalzburg zu einer starken Festung aus.

In der Folgezeit lebte das Land unter seinen meist dem österreichischen Hochadel entstammenden Erzbischöfen still dahin. Die Glaubenskämpfe der Gegenreformation ergriffen auch Salzburg, viele Bauern, vor allem im Gebirge hingen dem evangelischen Glauben an. Erzbischof Leopold Anton Graf Firmian zwang 1731/32 etwa 20.000 Protestanten (die so genannten Exultanten) zur Auswanderung.

Auseinandersetzungen mit Mozart

Der 1772 unter dem Druck des Wiener Hofes zum Salzburger Erzbischof gewählte Hieronymus Franz Graf Colloredo ist mehr durch seine Auseinandersetzungen mit W.A. Mozart, den er aus seiner Musikkapelle ausschloss, als durch sein politisches Wirken bekannt. Seine Bedeutung als Anhänger der josefinischen Kirchenpolitik im Sinne der Aufklärung, seine Förderung des Gesundheits- und Schulwesens im Land und sein Eintreten für eine größere Selbstständigkeit der katholischen Kirche in Deutschland, wie sie in der Emser Punktation von 1786 angestrebt wurde, wird meist ignoriert.

Trotz intensiver Sparmaßnahmen konnte Colloredo den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Erzstiftes nicht aufhalten, dazu kamen die Säkulatisationsüberlegungen im Römisch-deutschen Kaiserreich in den 90-er Jahren des 18. Jahrhunderts. 1797 vereinbarten Kaiser Franz II. und Napoleon Bonaparte im Frieden von Campoformido (bei Udine) das Ende des Erzstiftes Salzburg, das an den Großherzog der Toskana, Ferdinand III., fallen sollte. Entscheidungen über das Schicksal der Reichskirche erwartete man von dem seit Dezember 1797 in Rastatt tagenden "Reichsfriedenskongress", ultimative Forderungen Frankreichs veranlassten die Delegierten im Februar 1798 zur Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich und zu Säkularisationen als Entschädigung für die davon betroffenen Fürsten. Österreich bezeichnete den Erwerb Salzburgs und kurbayrischer Gebiete als gerechten Ausgleich für seine Einbußen am Oberrhein und in Ober- und Mittelitalien, die Verwirklichung wurde aber hinausgezögert.

Flucht aus Salzburg

Nach dem Sieg Napoleons bei Marengo im Juni 1800, dem Vorstoß der Rheinarmee General Moreaus in Richtung Süddeutschland und Österreich, zweimaligem Scheitern von Friedenspräliminarien und der für die Franzosen siegreichen Schlacht von Hohenlinden (Dezember 1800) ergriff Colloredo die Flucht aus Salzburg, die ihn zunächst über die Steiermark nach Wien und dann nach Brünn führte. Er sollte nie mehr nach Salzburg zurückkehren. Vier Monate französischer Besetzung Salzburgs folgten, mit finanziellen Bürden als Folge von Kontributionszahlungen, wirtschaftlichen Engpässen, organisiertem Kunstraub und weiteren Drangsalierungen. Dabei entstand dem Land nie mehr gut zu machender Schaden. Erst nach dem Friedensschluss von Luneville (9. Februar 1801), der das Prinzip der Entschädigung erblicher Fürsten für ihre linksrheinischen Einbußen durch Säkularisationen bekräftigte, zogen die französischen Besatzer als Salzburg ab.

Der vierte Artikel des Luneviller Vertrages versprach dem exilierten Großherzog Ferdinand III. von der Toskana Territorialausgleich im Reich, ein geheimer Zusatzartikel nannte als "vorzuziehende" Entschädigungsobjekte das Erzstift Salzburg sowie die Fürstprobstei Berchtesgaden. Dies bekräftigten in der Folge Frankreich und auch Russland (das seit dem Teschener Frieden 1779 zusammen mit Frankreich Garant der Reichsverfassung war) in einer "Deklaration" vom 3. Juni 1802 über die anstehenden Indemnisationsgeschäfte im Reich. Die ursprünglich Ferdinand zugedachten Hochstifte Brixen und Trient sollten unmittelbar an Österreich fallen. Colloredo, der sein Exil inzwischen in Wien aufgeschlagen hatte, bemühte sich in der Einsicht, dass seine weltliche Herrschaft unhaltbar geworden war, seine Jurisdiktion als Metropolit und Diözesanherr ungeschmälert zu behaupten.

Besitzergreifungsdekret

Noch in der zweiten Jännerhälfte 1803 einigte sich Colloredo in Wien mit dem ehemaligen Großherzog der Toskana auf einen reibungslosen Regierungswechsel in Salzburg. Ferdinand wollte seine Herrschaft über einstige geistliche Reichsterritorien nicht nur auf den Schiedsspruch weltlicher Mächte, sondern auch auf die ausdrückliche Zustimmung des Papstes gründen, sie wurde ihm von Papst Pius VII. erteilt. Am 3. Februar 1803 kündigte Ferdinand dem Erzbischof die bevorstehende Regierungsübernahme an, am 11. Februar erließ er das Besitzergreifungsdekret. Am gleichen Tag resignierte Colloredo als weltlicher Landesherr. Er starb am 20. Mai 1812 in Wien, begraben liegt er im Stephansdom.

Der Preßburger Friede von 1805 gab Ferdinand das Großherzogtum Würzburg, während Salzburg an Österreich fiel. Doch musste Österreich Salzburg 1809 im Frieden von Schönbrunn an Bayern abtreten. Das Gebiet am westlichen Salzachufer, der so genannte Rupertiwinkel, blieb bayrisch, auch als das übrige Salzburg nach den Befreiungskriegen 1816 wieder an Österreich zurückfiel. Als Herzogtum Salzburg bildete es zunächst den Salzachkreis des Kronlandes Oberösterreich. 1849 wurde es zu einem selbstständigem Kronland erhoben. (APA)

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