Nicht als Mädchen geboren ...

10. Februar 2003, 01:00
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... sondern dazu gemacht - Ein geschichtlicher Abriss zur Erziehung der Geschlechter

"Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht" - lautet der Titel eines der wichtigsten Bücher der Frauenbewegung in den 70er-Jahren. Eine Aussage, die bis heute Gültigkeit hat und anhand der Geschichte erkennbar ist.

Das früheste überlieferte Beispiel von Erziehung findet sich in der Sumerischen Hochkultur um etwa 3.000 v.u.Z.: hier wurden Mädchen und Buben der Oberschicht mit dem gleichen Wissen ausgestattet. Dies verwundert insoferne nicht, als Sumer noch eine geschlechteregalitäre bis frauendominante Kultur aufwies. Im bereits patriarchalen Athen war die Erziehung für Mädchen schon sehr viel eingeschränkter und benachteiligender.

Antike: "Stärke" und "Schwäche"

Überaschenderweise forderte der nicht gerade als Feminist verrufene Plato (427 - 347 v.u.Z.) eine gleiche Erziehung für beide Geschlechter, obwohl er den Mädchen eine gewisse Schwäche in ihren Anlagen zuwies. Anders sein Schüler Aristoteles (384 - 322 v.u.Z.), der zwar die "Vorzüglichkeit weiblicher Kinder" pries, jedoch deren Stärke, Kraft und geistige Fähigkeiten nicht einmal als Ansprüche formulierte.

Mittelalter: Frauen bevorzugt

Der Kirchenmann Hieronymus (327 - 420) stellte Regeln für die Mädchenerziehung mit fatalen Folgen auf, die noch weit ins Mittelalter hinein wirkten: fromm, arbeitssam und schamhaft sollte die breite Masse der Mädchen sein, um "brave Frauen" zu werden. In der Oberschicht waren die Mädchen freilich besser gestellt. Etwa bis zum 12. Jahrhundert war es üblich, dass Mädchen und Buben bis zum siebten Lebensjahr von der Mutter erzogen wurden. Danach war für die Geschlechter ein geteilter Weg vorgesehen. Während die Mädchen in Klosterschulen lesen, schreiben, Sprachen und Künstlerisches lernten, wurden Buben für den "ritterlichen Kampf" ausgebildet. Sie wurden nur dann unterrichtet, wenn sie körperlich schwach oder kränklich, also nicht kriegstauglich waren.

"Vernunft" in Humanismus und Aufklärung

Im Zeitalter des Humanismus war aufgrund des Bemühens um die Menschenwürde Koedukation rein ideell und unabhängig von Geschlecht und Stand gedacht. Das entsprach auch den Forderungen Martin Luthers, die rein theoretisch blieben. Denn diese "Überzeugung" hinderte ihn nicht, gleichzeitig das Hausfrauen- und Mutterideal für Mädchen zu propagieren. Die Vertreter der Aufklärung hofften schließlich, die hochgelobte Vernunft mit richtiger Erziehung zu erreichen. Natürlich war diese Vernunft eine rein männlich konstruierte, welche die Frauen à priori auschloss. Deutlich wird diese patriarchale Reduktion anhand der Schriften des berühmtesten Vertreters der Aufklärung, Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778). In seinem Hauptwerk "Emile oder über die Erziehung" (1762) heißt es im fünften Buch "Sophie oder das Weib": "Die Frau ist gemacht, dem Manne zu gefallen". Sein Ausgangspunkt, die Gleichwertigkeit der Geschlechter und der Bildungsanspruch der Frau, wird also ins Gegenteil verkehrt bzw. erweist sich die Erziehung des "Emile" nicht als Menschen-, sondern Männererziehung.

1792 erschien Theodor von Hippels "Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber", in dem er Rousseau kritisierte und Koedukation als Vorbereitung der Mädchen für das öffentliche Leben als Bürgerin forderte. Pestalozzi (1746 - 1827) wiederum sah das Elend der breiten Masse, vor allem des Bauerntums, als ursächlich für die nicht vorhandene Erziehung. Dass Unwissenheit die Existenzsicherung hemme, war für ihn jedoch ein menschliches, nicht weibliches Problem, womit er Weiblichkeit unter Männlichkeit subsummierte und damit ausgrenzte.

Bürgerliches Ideal im 19. Jahrhundert

Der Mann ist also doch mehr Mensch als die Frau. Der Pädagoge Joachim Heinrich schrieb 1789 in seinem Buch "Väterlicher Rath für meine Tochter", die Frau habe eine zweifache Bestimmung: als Mensch und Weib. Als erstere können sie alles tun, als letztere sei sie begrenzt. Aus diesem Konzept erfolgte im 19. Jahrhundert die "Natur der Frau"-Konstruktion mit den sogenannten "wesensgemäßen" Erziehungsvorschriften. Ein fruchtbarer Boden war vorbereitet: die Trennung der geteilten Sphären von Privatheit und Öffentlichkeit (Reproduktion und Produktion) zementiert und die Herausbildung der Kleinfamilie so gut wie abgeschlossen.

Doch auch die bürgerliche Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts blieb anfänglich im Erziehungsideal der tugendhaften Hausfrau und Mutter gefangen. Erst Ende des Jahrhunderts lieferte die ökonomische Krise ein Umdenken in Richtung Aushebeln der geschlechtsspezifischen Differenzen. Als Beispiele seien hier nur die Frauenrechtlerin Mary Wollstonnecraft - Vorbereitung der Mädchen auf das Berufsleben vonnöten - und Maria Montessori - kompensatorisches Erziehungsmodell - genannt.

Alternative Konzepte im 20. Jahrhundert

In den späten 60er- und 70er-Jahren, zur Zeit des "großen Aufbegehrens" der StudentInnen-Revolte wurde die antiautoritäre Erziehung das Vorzeigemodell sich für revolutionär haltender Weltverbesserer. Grundlagen lieferten die teils gegensätzlichen Theorien von Freud und Reich.

Die Neue Frauenbewegung der 70er-Jahre hat erkannt, dass alle bisherigen Theorien und Methoden geschlechtsspezifische Aspekte nicht oder zu geringfügig berücksichtigten. Geschlecht als historische und gesellschaftspolitische Kategorie wae unbedacht geblieben. Daher kam es zur Entwicklung feministischer Erziehungsmodelle mit folgenden Grundsätzen:

  • ErzieherInnen muss immer klar sein, inwieweit sie bewusst und unbewusst geschlechtsspezifisch erziehen.

  • Die gegenwärtige Realität von Mädchen und Frauen im Patriarchat, ihre untergeordnete Stellung, Rolle und Perspektiven müssen immer bedacht werden.

  • Erlernen und Verlernen von sozialen Rollen reicht nicht aus, um Veränderungen herbeizuführen. Ökonomische und politische Strukturen müssen geschaffen werden.

  • Die männliche Erziehung kann nicht die Norm für die weibliche sein; denn dann wird die Frau wieder als "Defizit" begriffen, die aufholen soll. Es ist gleich schlecht, die Unterschiede und die Gleichwertigkeit zu betonen, denn beide Wege können zur Verfestigung der Unterdrückung führen. Gleichwertigkeit wiederum wäre sowas wie Anpassung an die männliche Norm.

  • Ziel feministischer Erziehung sind selbständige, gebildete und ausgebildete, sensible Individuen.

    (dabu)

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      Erziehung der Geschlechter im Wandel der Zeit ...
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