"Saubermännerbrigade durch unsittliches Angebot verführt?"

6. Februar 2003, 09:55
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"Süddeutsche Zeitung": Die Grünen als "willige Mehrheitsbeschaffer zum Lakaiendasein verurteilt"?

München/Wien - Schwarz-Grün sei eine "Schimäre", zugleich aber "ein romantisches Projekt, bei dem der fromme Wunsch jeden Gedanken an die kaum überbrückbaren Gegensätze, etwa in der Asyl-, Sozial- oder Bildungspolitik, unterdrückt", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" (Donnerstag-Ausgabe) zu der neuen österreichischen Koalitionsperspektive. "Denn Schwarz-Grün enthält den Hoffnungsschimmer, dass zwei verwandte Milieus, die einander entfremdet sind, jetzt wieder unter der pragmatischen Schirmherrschaft einer Regierung des guten Willens zusammenfinden könnten."

"Sie sind eine entlaufene Generation und seit dem Tag, an dem sie ihren bürgerlichen Elternstuben den Rücken gekehrt haben, nagte das schlechte Gewissen an ihrem trotzigen Weltverbesserungseifer. Wenn nun Österreichs Grüne mit der konservativen Volkspartei, dem Sieger der Wahl, über eine Regierungsbeteiligung verhandeln, so beherrscht ein verständnisvoller Ton die Gespräche. In der Einladung zu einem schwarz-grünen Pakt steckt nicht nur das taktische Manöver der konservativen Verhandler, die Saubermännerbrigade der österreichischen Innenpolitik durch ein unsittliches Angebot dazu zu verführen, Prinzipien gegen Macht und Pfründe einzutauschen, wodurch diese dann als willige Mehrheitsbeschaffer zum Lakaiendasein verurteilt wären."

"Behagliches Seelenbiedermaier" für Österreich

"Vielmehr birgt dieser Annäherungsversuch der beiden vordergründig so unterschiedlichen Gruppen den Keim zu einem unverhofften Versöhnungswerk, das dem Land ein behagliches Seelenbiedermeier bescheren könnte: die Dominanz einer konservativen Idylle, über der die grünen Wimpel moralischer Rechtschaffenheit flattern."

"Im Biotop der Kaffeehausphilosophen entwickelte sich die schwärmerische Wunschvorstellung schnell zu einer Zielvorgabe: Das Essayistenvolk fürchtet die bleierne Schwere einer neuerlichen großen Koalition aus Konservativen und Sozialdemokraten noch mehr als die verhassten Freiheitlichen. Ein grüner Koalitionspartner, so die Geistesträumerei der österreichischen Dichter und Denker, würde die konservative Regierungspartei wieder von ihren begangenen Sünden läutern können. Man müsse das schwarz-grüne Projekt auch als tätige Reue der Volkspartei erkennen lernen - sie streift ein grünes Büßerhemd über."

Grüne sind eine Bewegung "besorgter Bürgerkinder"

"Das Gros der Grünen ist eine Bewegung besorgter Bürgerkinder. Ihre ersten Stars waren rebellische Denkmalschützer im barocken Salzburg und kernige Öko-Bauern in hochalpinen Regionen. Ihre größte Unterstützung finden die Grünen heute dort, wo sich ein gehobener liberaler Lebensstil in renovierten Biedermeierquartieren hat einnisten können. Der grüne Oppositionsalltag gestaltete sich bislang vor allem aus verbaler Empörung und realitätsfernen Maximalansprüchen. Konkrete Programmpunkte werden meist durch moralische Appelle ersetzt, das politische Profil blieb insgesamt diffus: Eine ideale Projektionsfläche für alle Wünsche und Sehnsüchte, die ihre Klientel beseelen möchten." (APA)

Sueddeutsche Zeitung

"Das heilige Experiment"

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