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28. Februar 2008, 07:00
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female:pressure ist 10: Electric Indigo, DJ/Produzentin und Betreiberin des feministischen Netzwerkprojekts, im dieStandard.at-Interview

female:pressure, 1998 von DJ Electric Indigo alias Susanne Kirchmayr gegründet, ist eine webbasierte Datenbank für weibliche DJs, Produzentinnen und bildende Künstlerinnen – insbesonders aus dem Bereich der elektronischen Musik –, um die Kommunikation und Vernetzung untereinander zu erleichtern und die Existenz der Künstlerinnen nach "außen" hin sichtbarer zu machen.

Mittlerweile repräsentiert die Plattform rund 1.000 weibliche DJs, Musikerinnen, Produzentinnen, VJs und andere Artists aus aller Welt. Heuer feiert female:pressure sein zehnjähriges Jubiläum – und veröffentlicht aus diesem Anlass die "female:repssure dvd1", auf der 17 Wiener Videokünstlerinnen insgesamt 21 internationale, über die female:pressure- Musikproduktionsplattform open:sounds entstandene Titel visualisiert haben. Die gesamte Auflage von 3.000 Stück wird gratis verteilt und hauptsächlich über ausgewählte Plattenläden und Videotheken wie dem Alphaville in Wien erhältlich sein.

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dieStandard.at: Zehn Jahre female:pressure – was hat sich aus deiner Sicht bezüglich der Situation von Künstlerinnen in der hiesigen elektronischen Musikszene während dieser Zeit verändert, was ist gleich geblieben?

Electric Indigo: Generell ist durch die Etablierung des World Wide Web der Grad der Vernetzung in den letzten 10 Jahren wesentlich gestiegen, die Grenzen sind weiter geworden. Aber vor allem sind wirklich viele DJs, Visualistinnen und Musikerinnen aufgetaucht, alleine in Wien sind mittlerweile ca. 110 Künstlerinnen auf female:pressure gelistet und das sind bestimmt nicht alle, die es hier insgesamt in unserem Bereich gibt.

Wenn heute eine Frau an den Turntables steht, gilt sie nicht mehr als Exotin – wir sind da einer Art Normalität schon recht nahe gekommen. Die finanzielle Lage sieht für den Großteil der DJs (um nur eine Sparte zu nennen) eher prekär aus, es scheint mir allerdings, dass der Anteil der geringst verdienenden DJs bei den Frauen – wie üblich – deutlich höher als der bei den Jungs ist.

Die Präsentationsmöglichkeiten sind dafür auf jeden Fall auch besser geworden: Ich würde sagen, dass es mehr attraktive Lokale mit DJ-Programm gibt, Radiosender wie z.B. FM4 bieten immer wieder Aktionen wie den "DJ Day" und Online-Plattformen wie Myspace machen es heute ziemlich einfach, Infos und Promotionmaterial einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.

dieStandard.at: Anfang März wird die "female:pressure dvd1" vorgestellt, die das Schaffen von Videokünstlerinnen in den Vordergrund rückt. Immer wieder haben visuelle KünstlerInnen, die im Clubkontext arbeiten, die vergleichsweise geringe Anerkennung kritisiert, die sich u.a. auch in ungleichen Gagen ausdrückt. Woran liegt es, dass Musikerinnen/DJs und VJs so unterschiedlich stark wahrgenommen werden?

Electric Indigo: Es ist wohl eine Frage der Gewohnheiten – und der Promotion, die für Partys gemacht wird. Traditionell wird die Musikerin oder die DJ auf Flyern in den Vordergrund gestellt. Visuals laufen meist irgendwie nebenher, und wenn es doch VJs im Line-up gibt, stehen sie oft gar nicht im Programm. Kein Wunder, dass die Masse des Publikums dem dann auch wenig Beachtung schenkt.

Es zeichnet sich aber deutlich ein Umdenken ab: VJs werden immer öfter als Asset gesehen – zu Recht! Gute Visuals erzeugen neue Räume und können den Club laufend verändern. Die Musik, der Club, die Party wird bereichert. Künstlerinnen, die mit visuellen Aspekten der Clubkultur arbeiten, waren von Anfang an Teil von female:pressure, damit wurden wir aber nicht unbedingt assoziiert. Auch insofern soll hier eine Balance hergestellt werden.

dieStandard.at: Wie sah der Produktionsprozess der female:pressure-DVD aus?

Electric Indigo: Nachdem vom fördernden Verein Stadtimpuls Wien die Zusage und in Folge auch der erste Teilbetrag der Fördersumme kam, ging Ende Juni 2007 der erste Call für Audiobeiträge über unsere internationale Mailingliste raus. Mitte Oktober war Deadline für die DVD-Musikstücke, die die Musikerinnen über unsere Produktionsplattform open:sounds zur Verfügung stellten. Eine Woche später, nachdem ich einige Kompilierungsvarianten ventiliert hatte, war das Tracklisting fertig, die Wiener Visualistinnen suchten sich jeweils einen oder zwei Tracks aus und lieferten Ende des Jahres ihre Videos bei Christina Goestl ab, die das Design der DVD übernahm.

Im neuen Jahr ging es ans Finetuning: Audiomastering von Waldo Frotzler, DVD-Menü- und Featuresgestaltung durch Christina Goestl, DVD-Programmierung – sogenanntes Authoring – von Regina Leibetseder-Löw. Die grafische Gestaltung des Covers und dessen Illustration kommt von Beate Schachinger. Die ganze Projektabwicklung war meine Aufgabe.

dieStandard.at: Wie schon bei der 2006 veröffentlichten "open:sounds"-CD wendet ihr für das Bild- und Tonmaterial auf der DVD CreativeCommons-Lizenzen an und positioniert das Projekt damit kritisch gegenüber einer kommerziellen Verwertung. Welche Überlegungen sind dieser Entscheidung vorangegangen?

Electric Indigo: Nun, einer kommerziellen Verwertung steht an sich nichts im Wege. Nur müssen dafür die Rechte/Lizenzen mit den Urheberinnen geklärt werden. Wir wollten aber eine vereinfachte unkommerzielle Verwertung bzw. Verbreitung unter klaren Bedingungen – zu diesem Zweck stellen wir durch CC-Lizenzen z.B. das Kopieren der DVD oder einzelner Clips von vornherein frei, solange die Autorinnen genannt und die Originalfassungen nicht verändert werden und es einem nicht-kommerziellen Zweck dient. Innerhalb der female:pressure-Community verwenden wir eine liberalere Lizenz: Auf open:sounds können Members Stücke oder Sounds remixen und modifizieren, sie müssen es nur wieder den anderen zugänglich machen – "share alike".

dieStandard.at: Im letzten Jahr hat female:pressure den erstmals vergebenen "fair music award" erhalten. Welche Bedeutung hat eine solche Auszeichnung für das Projekt?

Electric Indigo: Solche Preise könnten für eine Fundierung von Argumenten ganz brauchbar sein. Richtig nützlich sind sie dann, wenn sie entweder schon etabliert sind und/oder mit Geldpreisen einhergehen. Beides war beim fair music award (noch) nicht der Fall... Dieses Jahr wird er bei der MIDEM in Cannes vergeben – ich hätte ihn lieber dieses Jahr bekommen!

dieStandard.at: Ist female:pressure D.I.Y.?

Electric Indigo: Im Sinne von Selbstermächtigung, Selbstorganisation, Improvisation, Eigeninitiative, Misstrauen gegenüber etablierten Autoritäten und passivem Konsum – auf jeden Fall, ja. Andererseits ist female:pressure eine sehr heterogene Mischung von Expertinnen, Profis und Amatricen, wenn ich so sagen darf. Die Grenze zwischen Professionalität und Ausüben einer Tätigkeit als reine Liebhaberei kann in der elektronischen Musikszene heutzutage kaum mehr eindeutig gezogen werden. (Vina Yun/ diestandard.at/ 28.2.2008)

 

Links

female:pressure
female:pressure dvd1

Termine

Der DVD-Release wird gleich dreimal gefeiert:

  • 8.3.: DVD-Präsentation im Elektro Gönner, 1060, Mariahilfer Str. 101, ab 20.00
  • 11.3: DVD-Präsentation im Rahmen der MAKnight, 20.00 mit Videoinstallationen, live-Visuals und Konzerten
  • 18.3.: DVD-Release-Party im Flex, ab 22.30, mit 14 VJs, 2 live-Acts, 3 DJs

 

  • female:pressure feiert sein zehnjähriges Bestehen mit der Veröffentlichung der "female:pressure dvd1".
    bild: female:pressure dvd-cover
    female:pressure feiert sein zehnjähriges Bestehen mit der Veröffentlichung der "female:pressure dvd1".
  • "Wenn heute eine Frau an den Turntables steht, gilt sie nicht mehr als Exotin": Electric Indigo hat mit female:pressure eine "sehr heterogene Mischung von Expertinnen, Profis und Amatricen" ermöglicht.Foto: Gerhard Heller
    foto: gerhard heller
    "Wenn heute eine Frau an den Turntables steht, gilt sie nicht mehr als Exotin": Electric Indigo hat mit female:pressure eine "sehr heterogene Mischung von Expertinnen, Profis und Amatricen" ermöglicht.
    Foto: Gerhard Heller
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