Henker-Aufzeichnungen in Paris versteigert

5. Februar 2003, 20:59
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"Der Mann, der vierhundert Köpfe abschlug"

Paris - Die Aufzeichnungen des französischen Henkers Anatole Deibler sind am Mittwoch in Paris für 85.000 Euro versteigert worden. "Der Mann, der 400 Köpfe abschlug" hinterließ vierzehn Hefte, in denen er unter anderem die Einzelheiten seiner Hinrichtungen festhielt. Der deutschstämmige Deibler war von 1899 bis bis zu seinem Tod 1939 Scharfrichter der Dritten Republik.

Deibler stammte aus einer Henkersfamilie: Schon seine Vorfahren im 17. Jahrhundert waren Scharfrichter im Württembergischen, wie das Auktionshaus Beaussant-Lefevre berichtete. Anatoles Großvater ließ sich in Frankreich nieder, sein Vater Louis wurde 1879 der alleinige Henker der Republik. Anatole Deibler sei von dem Beruf zunächst abgestoßen gewesen, hieß es. Doch nach seinem Militärdienst wurde er Scharfrichter in Algier und dann Assistent seines Vaters, dem er im Alter von 36 Jahren nachfolgte.

"Philanthropisch tätig"

Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren Hinrichtungen mit der Guillotine Massenspektakel: Die Exekution des Brüderpaars Pollet 1909 in Bethune zog 100.000 Schaulustige an, berichtete das Auktionshaus weiter. Ein Reisebüro habe sogar Fahrten organisiert. Zwischen 1892 und 1907 hatte Deibler vorübergehend nichts zu tun: Nach einer Kampagne von Gegnern der Todesstrafe begnadigten die Präsidenten die meisten Verurteilten.

Sein Leben lang habe Deibler sich um eine moralische Rechtfertigung seines Berufs bemüht, hieß es. Er habe sich intensiv mit der Geschichte der Scharfrichter beschäftigt und sei philanthropisch tätig gewesen. So gründete er 1914 in La Baule ein Hospiz für Kriegsverletzte.

Die rund 2.000 Seiten starken "Hefte des Todes" gingen am Mittwoch zusammen mit Auszügen aus Archiven und Familienstücken wie Fotografien an einen zunächst unbekannten Käufer. Der Verkäufer war ein privater Sammler, der die Aufzeichnungen vor gut zehn Jahren Deiblers Tochter abgekauft hatte. (APA/AP)

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